
Was müssen wir tun, damit Weihnachten uns die große Freude bringt?
- Prof. Pater Karl Wallner, Stift Heiligenkreuz -
Wenn wir die Weihnachtsgeschichte hören, so fällt auf, dass nach der Geburt des Christuskindes ein großes Theater ausbricht da in Bethlehem: Ein mächtiger Engel weckt schlafende Hirten auf und überrascht sie, indem er ihnen verkündet, dass der Retter geboren ist; zum Beweis nennt er das Kind,das sie in Windeln gewickelt finden werden. Und dann kommen noch andere Engel dazu, die das „Ehre sei Gott in der Höhe“ anstimmen, das dann später als „Gloria in excelsis Deo“ zu einem liturgischen Gesang unserer Gottesdienste geworden ist; und dann ist es vorbei mit der Abgeschiedenheit des Stalles von Bethlehem: Die Hirten eilen zur Krippe, vermutlich mitsamt ihren Herden, um sich das alles anzuschauen; sie werden dann zu den ersten Weihnachtsboten, weil sie überall erzählen, was ihnen in der Himmelsvision über dieses Kind gesagt worden war. Und kombiniert man zum Lukasevangelium die Erzählung des Evangelisten Matthäus hinzu, wie es die Tradition getan hat, so kommen wenig später auch die Weisen aus dem Morgenland an die Krippe, um dem Kind Gold, Weihrauch und Myrrhe zu bringen. Nicht nur mich hat dieses Getriebe und Geschiebe rund um das Jesuskind immer schon fasziniert, in vielen alpenländischen Krippendarstellungen findet mandas Drumherum von Ochs und Esel, Hirten, Schafen, Rindern und den drei Königen mit ihrem orientalischen Outfit und ihren Dromedaren, Pferden und Elefanten imposant ausgestaltet.
Friede auf Erden den Menschen guten Willens
Alle dürfen zur Krippe kommen, wirklich alle! So haben ja die Engel gesungen: „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden
ist Frieden den Menschen guten Willens.“ Die da zur Krippe drängen, sind eindeutig noch keine Christen, aber sie tun schon etwas sehr Christliches: Sie hören auf die Stimme von oben. Und sie neigen sich zu dem kleinen hilflosen Kind in der Krippe. Dieses Kind hat die Kraft, alle zu berühren mit Seiner Liebe. Später wird dieses Kind Seine Arme am Kreuz ausbreiten und sich so sogar annageln lassen, um damit allen Generationen und Zeiten zu sagen, dass es ein umarmendes Kind ist. Im 1. Timotheusbrief heißt es: „Gott will, dass alle Menschen gerettet werden.“ (1 Tim 2,4) Ganz sicher kommen nicht „alle, alle, alle in den Himmel, weil sie so brav sind“, denn die Menschen können abgrundtief böse, abscheulich schlecht, anwidernd grausam sein ... Die Hölle gibt es leider. Doch wie gut ist unser Gott, der da als kleines Kind in der Krippe liegt! Wie groß und weit vor Liebe ist Sein kleines Herz, das für alle Menschen schlägt – und das sich 33 Jahre später für alle Menschen wird aufstechen lassen! Mir persönlich gefällt in diesem bunten multikulturellen und multisozialen Gedränge um das Kind, das ja Erlöser aller Menschen ist, das Wort des Verkündigungsengels am besten. Seine Ansage über die Geburt Christi lautet: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll.“ Für mich bedeutet das Christentum reinste Freude. Ich finde es herrlich, dass das Christentum mit dem Ruf vom Himmel beginnt: „Fürchtet euch nicht, ich verkünde euch eine große Freude!“ Hier sollten vor allem auch manche von uns Theologen und Kirchenmenschen gut hinhören, denn der Engel hat tatsächlich nicht gerufen „Ich verkünde euch ein großes Problem!“, sondern er hat tollkühn verkündet: „Ich verkünde euch eine große
Freude!“ Christentum ist Freude. Ich weiß aber auch, dass viele Menschen sich fürchten. Sich fürchten vor Gott, sich fürchten vor Christus, sich fürchten vor der Kirche, sich davor fürchten, sich auf ein Leben mit diesem Jesuskind einzulassen. Viele, die jahrelang in Distanz standen zum christlichen Glauben, die sich mit allen möglichen Argumenten und Ausreden vorgespielt haben, dass sie Gott nicht brauchen, haben Schwellenangst. Viele, die Böses denken und Böses tun, fürchten, dass sie von Gott nicht angenommen werden; und leider muss ich sagen, dass wir in der Kirche viel zu wenig tun, um den Menschen die Schwellenangst zu nehmen: einen Schritt hin auf Gott zu tun. Darum meint der Engel über der Krippe auch uns, dich und mich, wenn er ruft: Fürchte dich nicht, dich auf Gott einzulassen! Du wirst nicht bestraft, sondern gerettet; du wirst nichts verlieren, sondern alles gewinnen.
Heute ist euch der Heiland geboren
Und wie werden wir unsere Angst los? Wie kommen wir von der Furcht zur großen Freude? Nun, man muss sich ein bisschen bei dem schlauen Literaten Lukas auskennen, damit man die Botschaft wirklich gut versteht. Der Engel sagt nicht, dass die Freude darin besteht, dass der Retter geboren ist, sondern der springende Punkt ist, dass der Retter heute geboren ist. „Heute ist euch der Retter geboren!“ „Hodie“ heißt das auf lateinisch und ist im gregorianischen Choral in den herrlichsten Melodien vertont worden. Wenn wir Menschen stumpf und depressiv, ungläubig und todesängstlich meinen, dass es außer diesem kurzen kleinen Leben nichts gibt, dann öffnet Gott in der Heiligen Weihnacht die Luke. Lichtglanz fällt von oben herab und der Engel will jedem von uns zurufen: „Ich verkünde dir eine große Freude: Heute ist dir der Heiland geboren!“ Was wir zu Weihnachten feiern, ist ein historisches Ereignis, das die Weltgeschichte verändert hat. Aber es ist kein Ereignis „damals“, in der Distanz. Da könnte ich ja sagen: Was geht das mich an, dass da vor 2000 und-ein-bisschen-was Jahren ein Kind ge-boren wurde. Die Weihnachtsgeschichte betont aber, dass es nicht „einst“ war, sondern „heute“. Also jetzt. Lukas hat dieses „Heute“ noch ein paar Mal in seinem Evangelium ganz dramatisch betont: Als Jesus während Seiner Wanderschaft in Seine Heimatstadt Nazareth kommt, liest Er beim Synagogengottesdienst die Messiasverheißung aus dem Propheten Jesaja vor. Und fügt hinzu: „Heute hat sich dieses Schriftwort erfüllt“ (Lukas 4,21); und als ein kleiner Zöllner namens Zachäus auf einen Baum klettert, um Jesus sehen zu können und weil er sich als Sünder unwürdig fühlt für die Begegnung mit dem Wunderrabbi, da holt Jesus ihn herunter mit den Worten „Zachäus, komm schnell herunter, denn heute muss ich in deinem Haus zu Gast sein.“ (Lk 19,5) Und als der rechte Schächer neben dem Kreuz Jesus reuevoll um Vergebung bittet, antwortet Er mit dem berühmten Wort: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23,43)
Daher: Lass dir die Freude schenken
Die Freude meines Lebens ist, dass Gott mir nahe ist. Für mich ist die Wirklichkeit Gottes nicht etwas Fernes, Distanziertes, sondern ich habe das Gefühl, dass Er mir unmittelbar sein möchte. Und das ist nicht irgendwann, irgendwie, sondern es ist „heute“, jetzt; es ist jederzeit möglich. Wenn jemand auf einen kleinen Mönch in einem österreichischen Wienerwaldkloster hören möchte, dann will ich ihm zurufen: Lass dir doch die Freude schenken, dich von Gottes Gegenwart berühren zu lassen. Das ist das Antidepressivum, das uns der Engel vom Himmel herab verkündet: „Heute“ will Gott dir nahe sein, dazu ist Er damals in den Koordinaten von Raum und Zeit ein Kind geworden, um dir hier und jetzt zu versichern, dass Er dir hier und jetzt nahe sein möchte. „Und wäre Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, so bliebest du doch ewiglich verloren.“ So hat es der spätbekehrte Mystiker Johannes Scheffler im 17. Jahrhundert formuliert, der begnadete Dichter, dem man den Namen „Angelus Silesius“ gegeben hat.
Ich weiß nicht, wie sie Weihnachten feiern, ob sie in Ihrer Familie zusammenkommen, ob sie allein zu Hause sitzen werden. Probieren sie es doch auch einmal. Es muss auch gar nicht in der hochheiligen Nacht sein, die hoffentlich auch bei ihnen ausgefüllt ist von liebevollen Begegnungen inder Familie und vom Besuch der Christmette. Also mir gibt es etwas, wenn ich mir in Gedanken vorstelle, dass ich wirklich dabei bin bei der Geburt des Herrn. Ich stelle mir dann zum Beispiel vor, dass ich ehrfürchtig mit Maria und Josef vor der Krippe stehe; ich stelle mir vor, dass ich Ochs und Esel riechen kann; dass von ferne schon das Blöcken der Schafe ertönt, die von den vom Engel aufgeschreckten Hirten Richtung Bethlehem getrieben werden. „Zu Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein, das hab ich auserkoren, sein Eigen will ich sein. Eia, eja, sein Eigen will ich sein,“ lautet ein wunderschönes Kirchenlied. Mir fällt es leicht, mir das kleine Kind vorzustellen; ich liebe Kinder. Sogar das Weinen dieses Neugeborenen ist etwas Wunderbares. Nie mehr können wir Menschen Gott vorwerfen, dass Er sich angesichts des Elends und Leids, das es in dieser Welt gibt, in Seiner Hocherhabenheit versteckt. Er ist kein Gott, vor dem man sich in den Staub werfen muss, sondern Er ist ein Gott, der sich vor uns so ganz klein und hilflos gemacht hat. Größer kann Gott sich nicht geben, als indem Er sich so babyklein gemacht hat. Weihnachten ist das Fest der Frau, der Mutter. Bei einer Betrachtung darf man sich ruhig vorstellen, wie auch Maria uns anlächelt, wie sie das Baby auf dem Arm trägt – also den Gottessohn, von dem wir glauben, dass Seine Allmacht Himmel und Erde umfasst. Die Mutter hält das Kind nicht an sich fest, sie streckt es uns entgegen. Die Mutter Christi ist keine selbstsüchtige Mutter. Sie will, dass wir teilnehmen, teilnehmen an ihrer Freude. Sie streckt uns das Kind entgegen, wir dürfen unsere Hände öffnen, das Kind an uns drücken. Warum sollten wir auch hölzern und distanziert bleiben, wo doch genau darin unser letzter Lebenssinn ruht. Wo wir dieses Kind annehmen, wird alles Seligkeit. Da wird uns klar, wie belanglos und banal unser Leben ist, wenn wir nur darauf bedacht sind, es in neutraler und fauler Distanz zu Gott zu leben. Das Lächeln dieses Kindes lässt unsere kleinen irdischen Sorgen zerfließen und zermalmt unsere großen Probleme zu Staub. Und eben ein solches Weihnachtsfest wünsche ich mir und ihnen allen: Dass wir das Schönste, das es gibt, mit in unser kleines alltägliches Leben mitnehmen: die große Freude darüber, dass Gott uns in Seiner Liebe unendlich nahe sein will.

Quelle:Medjugorje aktuell
