- von P. Marinko Sakota, ehem. Pfarrer von Medjugorje -

Das Fasten ist eine der Säulen der Spiritualität von Medjugorje. P. Marinko Šakota, der ehemalige Ortspfarrer von Medjugorje, hat viele Fasten- und Gebetsseminare vor Ort geleitet. Diese haben den Pilgern geholfen, den Sinn und Wert des Fastens zu entdecken. Im folgenden Beitrag erläutert er uns die Dimensionen des Fastens.

Fasten hat drei Dimensionen

Laut der Königin des Friedens hat das Fasten drei Dimensionen: a) es befreit, b) es öffnet für Neues, c) es stärkt die inneren Kräfte, insbesondere den Glauben.
Entsagung ist wichtig, aber das Fasten ist nicht beendet, wenn wir auf etwas verzichten. Nachdem wir uns von etwas befreit haben, besteht das Ziel des Fastens darin, uns für etwas Neues zu öffnen, das oft wertvoller ist als das, was wir hatten und für wertvoll hielten.
Die Muttergottes gibt uns ein Beispiel für das Fasten als Verzicht, der uns zur Freiheit führt: „Fangt in diesem Moment an! Schaltet das Fernsehgerät ab und verzichtet auf verschiedene Dinge, die für euch unnütz sind!“ (13.02.1986) 
Nach dem Verzicht hilft uns das Fasten dabei, neue Werte zu entdecken: „Auch heute lade ich euch zum Fasten und zur Entsagung ein. Meine lieben Kinder, entsagt dem, was euch hindert, Jesus näher zu sein.“ Durch das Fasten kommen wir Jesus näher. Drittens festigt das Fasten unsere inneren Stärken, vor allem den Glauben: „Mit Fasten und Entsagung werdet ihr, meine lieben Kinder, stärker im Glauben sein.“ (25.03.2007)
Genau diese Absicht (Befreiung, Entdeckung neuer Werte und Festigung der inneren Stärke) hatte Jesus, als der reiche junge Mann zu Ihm kam, der vom „Leben nach den Geboten“ mehr will als zuvor (Mk 10, 17-22). Jesus mag seinen Wunsch nach etwas Höherem, deshalb lädt Er ihn ein, sich auf den Weg der Freiheit zu begeben, was für ihn bedeuten würde, den Reichtum loszulassen, der ihn bindet. Auf diesen ersten Schritt folgt der zweite: Er stößt auf einen neuen Wert, den er in diesem Moment noch nicht erkennt: den „Schatz im Himmel“. Jesus möchte, dass der junge Mann diesen „Schatz“ findet, denn er ist viel wertvoller als irdendein irdischer Schatz, der verrostet und vergeht. Wenn er den „Schatz im Himmel“ erkennt, wird sein Glaube und sein Vertrauen in Gott stärker. Er muss sich keine Sorgen darum machen, ob er genug zum Leben haben wird.

a) Verzicht als Befreiung

Das soll keineswegs heißen, dass wir nichts besitzen sollten. Was wir brauchen, sollten wir haben: Nahrung, Kleidung, ein Dach über dem Kopf, wir sollten lernen können, studieren, einer Arbeit nachgehen, von der wir leben können – all das ist notwendig. Aber es kommt vor, dass ein Mensch mehr hat, als er braucht, und so zum Sklaven der Dinge wird. Denn je mehr er hat, desto mehr will er. Er ähnelt einem „Glatzkopf, der Kämme sammelt“.
Wir werden heutzutage von allen Seiten mit Werbeanzeigen und Angeboten bombardiert, die uns zum Konsum einladen. Dadurch entsteht in uns ein Bedürfnis, mehr haben zu wollen, als wir tatsächlich brauchen. Wenn wir darauf hereinfallen und unseren Wünschen nachgeben, rutschen wir nach und nach in die Sklaverei ab. Aufgrund von Gewohnheiten und Bindungen entsteht der Zwang, mehr zu essen und zu trinken, als benötigt wird und unnötige Dinge zu sammeln. Der Mensch mag denken, dass er frei ist, aber tatsächlich ist er ein Sklave von Gewohnheiten und Bindungen geworden, die ihm sagen: „Du musst dies und jenes nehmen, Alkohol trinken, jemand in den Augen anderer sein, du musst spielen, fernsehen, am Handy sein, du musst immer mehr haben ...“. Was ist die Lösung? Vor Dingen und Menschen davonzulaufen oder sie von dir fernzuhalten? Die Haltung von Pater Slavko war: „Wer lernt, mit Dingen zu leben, ohne sie zu nehmen, kann auch mit Menschen leben.“ Wenn ich faste, entdecke ich Freiheit, weil mir klar wird, wie viel Überflüssiges ich habe! Vor allem, wie viele Dinge gar nicht nötig sind, um glücklich und zufrieden zu sein! Das Fasten lehrt uns, frei zu sein von Menschen und deren Meinungen, von Mode und Trends, die jemand als Maßstab setzt. Das Fasten eröffnet uns einen Raum der Freiheit, der uns die Wahl lässt. 
Beim Fasten- und Gebetsseminar in Medjugorje stellte ein Mädchen fest, dass ihre Schränke voller Kleider waren. Manche trug sie nur ein- oder zweimal, und in ihrem Wunsch, sie zu besitzen, hatte sie ihre Eltern extremst bedrängt. Während sie Brot aß und Wasser trank, öffneten sich ihre Augen, sie erkannte das Überflüssige, und beschloss, es an Bedürftige zu geben. Sie sagte: „Das Fasten macht mich frei!“ „Wenig, sehr wenig wird zum Leben benötigt“, sagte der hl. Leopold Bogdan Mandić. Das Fasten lehrt uns eine einfache Lebensweise. Meine Mutter sagte mir, als ich in das Priesterseminar eintrat: „Brot und Zwiebeln, aber sei zufrieden.“ Von ihr habe ich gelernt, zufrieden zu sein, selbst wenn ich nichts anderes zu essen habe als Brot und Zwiebeln. Kinder müssen nicht wie Erwachsene bei Brot und Wasser fasten, aber es ist gut, wenn man seinem Kind sagt: „Diese Schokolade gehört dir. Aber heute ist Freitag, daher heb sie für morgen auf.“ So lernt das Kind, geduldig zu sein, zu warten, zufrieden zu sein, auch wenn nicht jeder Wunsch erfüllt wird. Beim Fasten übt der Mensch seine Freiheit auf verschiedene Weise aus: Bewusst das Handy liegen zu lassen, nicht im Internet zu surfen, keine Seiten anzuschauen, die die Sicht verfälschen und verunreinigen, kein Wettbüro aufzusuchen, mit dem Fluchen aufzuhören, keine Markenklamotten und –schuhe zu kaufen, da möglicherweise bereits genügend vorhanden sind ... 

b) Fasten - Entdeckung neuer Werte

Jesus fastete 40 Tage lang in der Wüste. Als die Versuchung kam, war Er bereit, etwas anderes als das Brot zu sehen, das Ihm der Versucher als Nahrung für Seinen Leib anbot – Gottes Wort! „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (Mt 4, 4). Daher konnte Jesus dem Bösen widerstehen und sich durch Fasten für den himmlischen Vater entscheiden. Das Fasten ermöglicht es uns, uns für die Freiheit zu entscheiden, dazu, nicht die Marionette von etwas oder jemandem zu sein. Was können wir sonst noch im Fasten entdecken und erwählen? Ich entdecke, dass Gott wichtig ist. Ich freue mich darauf, mir Zeit zu nehmen, um im Gebet mit Jesus zu sein. ich lese Gottes Wort und in Gottes Liebe entdecke ich „verborgene Schätze“, ich lerne, und ich lerne Jesus kennen. Ich entdecke den Wert von Familienangehörigen und Freunden. Ich erkenne das Wunder der Geschöpfe Gottes. Ich entdecke die Freude am Danken und an einem genügsamen Leben. Ich begreife die Notwendigkeit, Bedürftigen zu helfen. Ich erkenne, dass irdische Dinge vergänglich sind, und ich werde mir des ewigen Lebens bewusst ...

c) Fasten stärkt den Glauben

Beim Fasten reduzieren wir die Nahrungsaufnahme auf ein Minimum. Wir bleiben sozusagen ohne äußere Sicherheit. Aber auf diese Weise wird unsere innere Sicherheit gestärkt. Das Vertrauen auf Gott wird stärker als die Angst vor der Zukunft. Ich glaube, dass ich auch mit wenig Nahrung überleben werde und dass es mir mit dem Herrn an nichts mangeln wird. So mache ich die Erfahrung, dass ich nicht verzweifeln und mutlos werden muss, wenn ich mich in einer ungünstigen Situation befinde. Trotz möglicher Unsicherheiten weiß ich, dass ich in Gottes Händen bin. Wenn mir also etwas zustößt und der Tod naht, kann ich auch dann in Frieden bleiben, weil ich für Gott geschaffen wurde, wie der hl. Augustinus sagte.

Wann sollen wir fasten?

Die Königin des Friedens lädt uns ein, an zwei Tagen in der Woche zu fasten: „Ich möchte, dass die Welt … mittwochs und freitags streng fastet …“ (14.08.1984) Sie ruft zum Fasten mittwochs und freitags auf, wahrscheinlich, weil die ersten Christen im ersten Jahrhundert, nach Christi Tod und Auferstehung, mittwochs und freitags fasteten. Die Beweggründe für das Fasten an diesen beiden Tagen könnte der Wunsch sein, Jesus nahe zu sein, der uns liebt und für uns leidet (Freitag) und die Sehnsucht nach dem geraubten Bräutigam (Mittwoch). Beide Motive basierten auf den folgenden Worten Jesu: „Können denn die Hochzeitsgäste fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten. Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam weggenommen sein; dann werden sie fasten!“ (Mk 2, 18-20). Der Wunsch, Jesus, dem Bräutigam, nahe zu sein, ist der Sinn des Fastens. Wir brauchen das Fasten, denn viele Dinge rauben uns unseren Bräutigam, weil sie uns von Jesus und vom Gebet abbringen. Wir fasten, um zu Jesus zurückzukehren und Ihm im Herzen nahe zu sein. Zusätzlich zu den zwei Tagen lädt uns die Muttergottes ein, neun Tage lang zu fasten. Dies kann eine Vorbereitung auf einige große Feiertage sein und bei der Verwirklichung ihrer Pläne helfen: „Ich rufe euch zur Entsagung für neun Tage auf, so dass mit eurer Hilfe alles verwirklicht werde, was ich durch die Geheimnisse, die ich in Fatima begonnen habe, verwirklichen möchte.“ (25.08.1991)

Wie fastet man?

Die Muttergottes möchte, dass wir im Fasten wachsen. Beginnend mit dem äußeren Fasten „bei Brot und Wasser“ (21.07.1981), und dem „streng“ fasten (14.08.1984), ist das letztendliche Ziel, mit dem Herzen zu fasten: „Beginnt mit ganzem Herzen zu fasten! Es gibt viele Leute, die fasten, aber nur, weil alle fasten. Es ist ein Brauchtum geworden, das niemand unterbrechen möchte. Ich bitte die Pfarrei, dass sie aus Dankbarkeit fastet, weil mir Gott erlaubt hat, so lange in dieser Pfarrei zu bleiben. Liebe Kinder, fastet und betet von Herzen!“ (20.09.1984) Beim Brotessen wird nicht das ganze Stück gegessen, sondern immer gebrochen, was an die Eucharistie erinnert. Wasser (Tee) wird schluckweise getrunken. Es gilt: Brot trinken und Wasser essen und das bedeutet, die Nahrung langsam, bewusst und aufmerksam zu kosten.

Leben mit Brot und Wasser

In Medjugorje steht beim Fasten das Leben mit Brot und Wasser im Vordergrund. Deshalb ist es gut, am Fasttag zu sagen: „Ich verzichte auf nichts, aber ich wähle Brot und Wasser als Nahrung, von der ich heute leben möchte.“ Der Schwerpunkt liegt also nicht auf dem Verzicht auf etwas, sondern vielmehr auf Brot und Wasser als Nahrung, von der ich lebe. Wenn Fasten als leben mit Brot verstanden wird, dann bekommt es eine andere Bedeutung und Richtung. „Wer das irdische Brot wiederentdeckt, wird leichter das Brot entdecken, das vom Himmel herabgekommen ist, um der Welt Leben zu schenken“. (P. Slavko Barbarić)


Quelle: Medjugorje aktuell
Foto:
Rudolf Baier