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Interview mit Dipl. Ing. Hubert Liebherr

Beginn in Humac
auf dem Erscheinungsberg
betend auf dem Erscheinungsberg
durch Medjugorje auf dem Weg zur Kirche
auf dem Erscheinungsberg
Ankunft an der Kirche in Medjugorje

Dipl.-Ing. Hubert Liebherr wurde am 25. September 1950 in Oberschwaben geboren. Er studierte Bauingenieurs- und Vermessungswesen und war bis 1988 Mitinhaber des berühmten Liebherr-Konzerns (Baumaschinen, Fahrzeugkräne und Flugzeugausrüstung). In Medjugorje wurde er von der
Muttergottes in die Nachfolge Jesu gerufen und stellt sein Leben seitdem in den Dienst der Muttergottes.

Medjugorje hat dein Leben verändert. Kannst du unseren Lesern kurz über dein Leben, über Medjugorje, über alles, was du hier erlebt hast, und den Drang, warum du immer wieder hierher kommst, erzählen?
Für mich ist das etwas ganz Besonderes. Zum einen, weil es jetzt 30 Jahre sind, dass ich hierherkommen darf – genau zum Jahrestag 1987 war ich das erste Mal hier. Und zum anderen auch, weil es das 25-jährige Jubiläum des Friedensmarsches ist, den wir damals im Krieg initiieren durften.
Damals waren auch Pater Slavko und Pater Leonard Oreč dabei. Wir waren zuvor im April 1992 schon hier gewesen, als die Einheimischen am Meer in den Urlauberhotels waren – die Urlauber waren nach dem ersten Schuss natürlich alle weg – und die jugoslawische Armee war bis an die Pfarrgrenze vorgedrungen. Diese ist hier hinterm Kreuzberg, dem Erscheinungsberg, drei Kilometer entfernt, wo es dann 100 Meter senkrecht zum Neretvafluss hinuntergeht. Auf der einen Seite stand die jugoslawische Armee und hier die bosnischen Soldaten. Jeder Ort musste Soldaten stellen. Der Ortsvorsteher von Medjugorje, Dragan Kozina, war gleichzeitig Kommandant der Truppen, die Medjugorje stellen musste. Er hat uns im April 1992 mit an die Front genommen, hinauf zum Kreuzberg, Erscheinungsberg, drei Kilometer, und hat uns gezeigt, was für eine Bewaffnung die Armee hat: Großteils nur Jagdgewehre, nicht einmal einen Militärkarabiner. Dazu ein paar Handgranaten. Und da drüben stand die voll ausgerüstete jugoslawische Armee mit allem, was dazugehört. Da waren wir so entsetzt – ich war ja selber anderthalb Jahre bei der Armee als Wehrpflichtiger gewesen –, dass wir gedacht haben: Was können wir tun? Die Muttergottes hat gesagt, dass wir mit Gebet und Fasten Kriege aufhalten können. Darum haben wir uns damals gesagt: Wir haben die größere Kanone – den Rosenkranz. Diesen müssen wir jetzt nur in Stellung bringen. Wie machen wir das? Es muss Verantwortliche geben. Ich kann nicht fromm tuend und betend durch die Frontlinie laufen und sagen „mir passiert nichts.“ Die Serben haben ja bei den Moslems schon gewartet, bis alle Moslems in der Moschee waren, und dann haben sie losgeschossen. So geht es nicht. Es gab dann viele Diskussionen mit den Franziskanern. Wie können wir das machen, dass es verantwortbar bleibt? Und so kamen wir auf die Idee mit dem Friedensmarsch. Wir wollten auf jeden Fall ins Land, um den Menschen zu zeigen „Ihr seid nicht alleine.“ Ganz Europa hatte sie im Stich gelassen. Wir wollten ihnen beweisen: „Wir sind mit euch.“ So haben die Franziskaner dann den Weg ausgesucht – vom Kloster Humac nach Medjugorje. Wir haben ungefähr 250 Medjugorje- Freunde aus der ganzen Welt angeschrieben und uns in Ancona an der italienischen Adriaküste getroffen. Wir haben eine Fähre gechartert und sind nach Split gefahren. Wenn man uns in Ancona gesagt hätte: „Nein, das ist zu gefährlich, ihr könnt das nicht tun“, dann hätten wir dort schon Schluss gemacht, denn der Gehorsam ist das Wichtigste. Es ging dann aber alles gut, weil die bosnischen Soldaten 14 Tage vorher, am 10. Juni, die jugoslawische Armee angegriffen hatten. Morgens um vier durchquerten sie die Neretva und fanden sie schlafend und zum Teil betrunken vor. Sie haben sie dann einfach verjagt – ich weiß nicht wie viele Kilometer  sie zurück-gedrängt haben, sodass Medjugorje außerhalb des Artillerie-Wirkungsbereichs lag, was sehr wichtig war. Auf jeden Fall konnten wir mit dem Schiff nach Split kommen – alle Fahnen hoch – wo wir empfangen wurden. Es war ein Vertreter der Stadt anwesend, dazu Vicka, Pater Slavko, Ivan. Der Vertreter der Stadt sagte: „Ihr seid das lebendige Zeugnis von Medjugorje, dass ihr jetzt in dieser Situation in unser Land kommt.“ Dann sind wir mit Bussen nach Humac gefahren, und von dort eben zu Fuß nach Medjugorje gegangen. Das war unser Anliegen. Ein Priester aus Australien, der dabei war, hatte in der Nacht zuvor geträumt, dass es eine Eucharistische Prozession werden würde. Das hatten wir nie vorgehabt und das konnten wir nicht entscheiden. Wir haben uns nur gedacht, wir warten einmal ab. Am Abend haben wir auf der Fähre die Heilige Messe gefeiert, und es blieben ein paar konsekrierte Hostien übrig. Einer der Priester hatte eine kleine Reisemonstranz dabei – und ab diesem Moment war es eine Eucharistische Prozession. Das hatten wir gar nicht geplant. Und so konnten wir den ersten Friedensmarsch machen. Es ist erstaunlich, dass bis heute keine Einheimischen mitgehen. Sie bewirten uns, wenn wir in Medjugorje ankommen, stellen Tische vor die Häuser, darauf Getränke und Plastikbecher, wo man sich bedienen kann – das machen sie liebend gerne –, aber selber gehen sie nicht mit. Das ist nach wie vor etwas, das nur die Ausländer machen.

Du kommst aus einer bekannten Familie – die Kräne, die dein Name ziert, sind unübersehbar, auch in Österreich, in Deutschland und in ganz Europa. Dein Leben aber ist ausgerichtet auf die Muttergottes. Du hast viel getan, auch für die Ukraine. Du willst die Herrlichkeit mit deinem Leben verbreiten.
Ja, ich darf das jetzt seit 30 Jahren machen, und das hat wirklich mein Leben verändert. Der Ruf „Lass alles zurück und folge mir nach!“ hat mich anfangs wie ein nasser Sack getroffen. Da hatte ich tausend Fragen und keine Antworten. Was ist zu tun? Was ist meine Aufgabe? Wovon soll ich leben? Was für einen Beruf soll ich nun wählen – ich bin ja Bauingenieur... Aber durch ein Erlebnis gleich am nächsten Tag in Medjugorje, wo ich einfach die Herrlichkeit Gottes ein Stück weit spüren durfte, konnte ich in einer Sekunde sagen: „Ja, ich verlasse alles, was ich bin und habe, und werde dir nachfolgen.“ Und das versuche ich bis heute.

War das wie eine Sekundenbekehrung, wie beim heiligen Paulus?
Ich war ein paar Minuten in der Kirche. Aber da war eine Herrlichkeit, die ich nicht ertragen konnte. Ich wollte nur weg. Da wusste ich: Das ist eine Dimension, die weit über das hinaus-geht, was wir Menschen biologisch erleben können. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich es sagen und durchführen.

Und du hast es nicht bereut? Man hat ja oft Zweifel
Nein, ich habe es nie bereut. Natürlich, wenn ich bei uns in der Firma eine Werksführung mitmache und sehe, was die Menschen dort heute alles verwirklichen, von dem wir damals nur ansatzweise gedacht und gesprochen haben, dann juckt es mich und ich denke „Das wäre auch eine tolle Aufgabe.“ Aber spätestens wenn ich abends im Bett liege, weiß ich wieder Bescheid. Die Baumaschinen werden nach 20 Jahren entsorgt und kommen auf den Schrottplatz. Aber das, was ich heute tun darf, reicht in die Ewigkeit hinein: Menschen helfen, mit auf den Weg zu führen.

Ich habe dich immer bewundert, dass du diesem „Lasst alles hinter euch und folgt mir nach“ gefolgt bist. Du bist ein lebendiges Zeugnis. Ich finde auch, dass Medjugorje trotz vieler Hochs und den Tiefs irgendwie immer weiter lebt. Auch wir in Wien versuchen, diesen kleinen Ort zu schützen in der reinen, unverfälschten Form. Was würdest du den Lesern sagen, wie sie am besten die Botschaft von Medjugorje verwirklichen können?
Das ist schwierig. Jeder lebt sie anders, und jeder kann sie auch anders leben. Jeder setzt seinen Schwerpunkt. Ich glaube das Wichtigste ist, dass man sich für den Himmel entscheidet. Im Grunde glaube ich, muss man das jeden Morgen beim Aufstehen machen. Und natürlich vergesse ich das so oft. Und dann haue ich daneben und lebe wieder nur für die Welt. Aber irgendwann erinnert man sich wieder daran und entscheidet sich neu, so gut es eben geht. Es kommt auch darauf an, wie ich an dem Tag aufgelegt bin. Es gibt Tage, an denen geht es super, da bete ich und bete. Und dann gibt es Tage, da knirscht es – da muss ich mich überwinden, dass ich überhaupt einen Rosenkranz zusammenbringe.

Aber du bist immer aktiv im Gebet, oder?
Ja, unbedingt. Ohne Gebet geht nichts. Von allen über 300 Monatsbotschaften, die wir seither bekommen haben – ich habe alle gelesen – gibt es keine, wo die Muttergottes nicht um das Gebet bittet. Ein Priester sagte einmal: „Beten ist Sprechen mit deinem Schöpfer.“ Seit ich das gehört habe, bete ich anders. Wenn ich mit diesem Sprechen mit meinem Schöpfer, mit diesem Dialog mit meinem Herrgott aufhöre, flacht es ab. Das ist definitiv so. Wenn der Papst heute aufhören würde zu beten, dann würde auch sein Glaube flacher werden. Das Gebet scheint also die unabdingbare Voraussetzung für den Glauben zu sein, und jeder soll so beten, wie es ihm am besten liegt. Das Tolle ist: Die Muttergottes versteht jede Sprache, jeden Dialekt. Und wenn euch diese vorgegebenen Gebete zu viel sind, dann redet so wie euch der Schnabel gewachsen ist, und sagt es in eurer Sprache, in eurer Ausdrucksweise, in eurer Emotion. Wenn man in den alten Schriften liest, wie die mit dem Herrgott gerungen haben, was sie Ihm alles vorgeworfen und gesagt haben...! Wir dürfen mit dem Herrgott reden. Das ist Gebet.

Das Gespräch führte die Gebetsaktion am 25. Juni 2017 in Medjugorje.
Gebetsaktion Wien: Ausgabe 126 (2017)