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" O mein Jesus, verzeih uns unsere Sünden..."

Tomislav Pervan war von 1982 bis 1988  Pfarrer von Medjugorje und später auch Provinzial der Franziskanergemeinschaft von Herzegowina. Er gehört zu den Priestern der ersten Generation, die Medjugorje von Anfang an mitbegleitet haben. Pater Pervan widmet sich in den letzten Jahren besonders dem Beichthören. Fast täglich verbringt er stundenlang im Beichtstuhl.

Wir haben auf dem Weg nach Hause überraschend an Ihre Tür geklopft, aus Medjugorje kommend, wo wir Ivan, Marija, Jakov und Mirjana getroffen haben. Wir sehen, wie sie – jeder für sich – eine Quelle des lebendigen Geistes sind. Medjugorje ist seit mehr als 34 Jahren ein aktiver Wallfahrtsort.

Pater Tomislav, Sie sind wirklich wie ein roter Faden, ein Begleiter der Seher, damals als Kinder, jetzt als Erwachsene. Wie sehen Sie diese Ihre Geschichte, Ihren Lebensauftrag? Die Gospa hat Sie als starken Mann neben die Kinder gestellt.

Wie es einmal der hl. Papst Gregor gesagt hat, dass das Wort Gottes mit der Geschichte wächst, dass das Wort Gottes nicht tot ist, sondern dass es lebendig ist. Das geschieht zu allen Zeiten, es wächst jederzeit so auch in unserer Zeit. Ein Beispiel dafür ist der große Papst Benedikt XVI., der durch sein Wort, durch seine Rhetorik, durch seine Rede, durch seine Predigten seinem Wirken einen Stempel aufgedrückt hat.

Der hl. Augustinus war ein Philosph, er war ein Theologe, er war ein Intellektueller, bis er Bischof wurde. Als er Bischof geworden war, wurde er ein großer Prediger des Wortes Gottes, und als solcher ist er in die Kirchengeschichte eingegangen, als Verkünder des Wortes Gottes. Ich würde sagen, dass es in Medjugorje genauso ist. Es ist so klar, dass Einzelne inspiriert werden, bzw. dass jene, die hier mit dem Wort Gottes leben, zum Vorbild werden für viele andere, die dann ihre Gedanken annehmen. Genauso würde ich es von Medjugorje sagen. Es begann in einer Zeit, die für uns hier in Kroatien und auch in Jugoslawien sehr schicksalhaft war; es war die Zeit nach Tito, es war eine Zeit der Unfreiheit, eine Eiszeit. Du weißt selber, dass man wegen eines Liedes ins Gefängnis gekommen ist, dass die jungen Männer aus Lipno, aus Bukovica, aus Gala, ins Gefängnis kamen wegen kleiner Dinge.

In eine solche Zeit kam Medjugorje, das zu einer großen Quelle wurde, zu einer Inspiration des Wortes Gottes bzw. der Bekehrung von vielen Menschen. Ich glaube, dass wir Medjugorje als Ruf Gottes sehen müssen, so wie es Lourdes und Fatima waren. Fatima war in der Zeit nach Verdun, nachdem an der Front in Deutschland und in Frankreich mehr als zwei Millionen Menschen umgekommen sind. Maria ist zu den drei Sehern gekommen und hat zu ihnen gesprochen. Sie ist nicht nach Amerika gekommen, nicht nach London, sie ist nicht zu den Mächtigen gegangen, sondern zu kleinen Kindern und hat zu ihnen gesprochen. Sie zeigte ihnen die Hölle und lehrte sie beten. Sie lehrte sie das Gebet, das wir nach jedem Gesätzchen des Rosenkranzes beten: „O mein Jesus, verzeih uns unsere Sünden ...“ Und dort haben wir das Wort Barmherzigkeit: „... die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen.“ Barmherzigkeit: Was war dieser Gedanke, den Maria genau in Fatima gebraucht hat? So sagt es auch der Papst heute. Ich glaube, dass wir Medjugorje genau in diesem Kontext sehen müssen. Es ist sicher keine Überraschung, es ist ein Ruf Gottes bzw. ein neues Reden, eine neue Privatoffenbarung.

Diese Offenbarung geschieht dauernd. Man kann sagen, dass Benedikt XVI. Offenbarungen hinterlassen hat, so wie Bonaventura, wie alle Heiligen. Alle Heiligen hinterlassen der Welt eine Offenbarung. Genauso auch Medjugorje. Auch die Seher bringen der Welt auf ihre Weise eine neue Botschaft. Diese Botschaften sind keine Offenbarung im vollen Sinn des Wortes, wie ein Reden Gottes, aber sie sind eine Anregung, sie wurden für viele etwas wie eine Erleuchtung; eine Erleuchtung, mit welcher der Mensch lebt und die der Mensch mit sich trägt, und woraus er dann lebt. Ich würde sagen, dass das Wesen von allem hier in Medjugorje einfach ein „altes“ Reden Gottes ist in neuer „Aufmachung“ bzw. ein Versuch, dass eine Partitur, die vor 2000 Jahren geschrieben wurde wie von Beethoven, der die Partituren 30 Jahre lang geschrieben hat. Heute kommt der Dirigent, der diese tote  Partitur belebt. Womit? Mit dem Orchester, mit den Instrumenten, mit Altem und Neuem, dadurch erklingt diese Melodie von neuem, in einer neuen Tonlage. So ist es auch heute. Wir haben den Text, wir haben die Noten; diese Musik soll heute neu erklingen und eine Harmonie ergeben.

Sie sind als Priester im Kloster der Schwestern in Miletina und gehen zum Beichthören immer nach Medjugorje. Wie sehen sie Medjugorje im Jahr 2016, als Priester, der Sie der Hierarchie der Kirche, den Entscheidungen des Vatikans gehorsam sind. Was würden Sie sich von der Kirchenhierarchie wünschen? 

Ich würde mir wünschen, dass das, was der Papst in seiner Bulle über die Barmherzigkeit Gottes, über das Antlitz Gottes, das sich im barmherzigen Antlitz Jesu widerspiegelt, dass die Erinnerung daran in der westlichen Kirche wieder belebt wird, so wie in Medjugorje. Medjugorje wurde etwas wie ein Paradigma des Beichtstuhls, wie ein Beichtstuhl der Welt. Es kommen Menschen, auch in diesen Tagen sind welche hier, aus Österreich, aus der Slowakei, um zu beichten. Warum? Sie sagen: „Bei uns gibt es das nicht, bei uns ist die Beichte fast ausgestorben.“ Ich bin in Medjugorje fast täglich im Beichtstuhl. Man ist vormittags im Beichtstuhl, nachmittags und abends, und das seit vielen Jahren.

Aber die Menschen haben das Bedürfnis, sie sind aus allen Teilen der Welt gekommen und wollen zur Beichte gehen. Die Menschen sind einfach hier, um ihre Seele reinigen zu lassen. Das ist diese Therapie, das sind diese Bäder, das sind diese Thermen Gottes, wo der Mensch durch Jesus die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes macht. Sehr stark waren auch die Evangelisationen durch unsere Predigten, denn gerade diese Begegnung mit Jesus im Sakrament, wo sich der Mensch, der in den Beichtstuhl kommt, demütigt, und er hier Jesus Christus persönlich trifft. Er glaubt, dass Jesus Christus da ist, und er geht erleichtert weg. Die Beichte ist für uns, für die Kirche von heute, der effizienteste Weg der Evangelisation. Wenn Jesus etwas in der Welt hinterlassen hat, das wertvoll ist, dann ist es genau das, diese Möglichkeit, dass der Mensch erleichtert in das Leben geht. So oft habe ich es bei Menschen erfahren, dass sie im Beichtstuhl waren und nach dem Gebet gesagt haben: „Hochwürden, von mir ist etwas abgefallen, es hat mich etwas verlassen.“ Das ist wie eine Hydraulikpumpe, die die Last, die Mühe, die Lebensprobleme heraussaugt. Die Menschen kommen mit verschiedenen Problemen hierher, sie können vielleicht seit  Jahren nicht mehr richtig atmen, und erst wenn der Mensch wieder richtig durchatmet, sagt er: „Hochwürden, ich bin ein neuer Mensch, ich bin jetzt ein gesunder, ein erneuerter Mensch.“ Das ist diese Erfahrung, die unwiederholbar ist.

Man kann sie am Altar haben, als Prediger. Aber vielleicht hat man sie bei der Begegnung mit Menschen, die kommen und die diese Erfahrung machen, die nach Jahren wieder kommen und sagen: „Hochwürden, ich war vor 10 Jahren bei Ihnen, und ich hatte diese Erfahrung, ich danke Ihnen.“ Das ist für mich Zufriedenheit. Das ist für mich persönlich die Bestätigung meiner Berufung, die Bestätigung meines Priestertums. Man braucht solche Erfahrungen. Das ist diese persönliche Begegnung, face to face, auf Augenhöhe mit Jesus, das ist wichtig. Warum? Ich würde sagen, weil die Kirche im Westen, in Deutschland und in Österreich die Beichte in einen alttestamentlichen Behälter gestellt hat. Wir finden das beim Propheten Daniel, auch im Buch Esra, wo das ganze Volk Buße tut und letztendlich seine Sünden bekennt. Aber das ist das Wort Gottes, das vom Ambo verkündet wird, und der Mensch tut Buße. Im Neuen Testament ist das Wort Gottes Mensch geworden in Jesus Christus.

Ich muss mit Jesus Christus in Kontakt kommen, beziehungsweise eine Freundschaft beginnen, und Ihm meine persönlichen Probleme sagen. Jesus hat die Menschen nie massenweise befreit, weder von der Sünde, noch von der Krankheit, sondern Er hat den Einzelnen gefragt: „Was möchtest du, was soll ich dir tun?“ Und nach diesen persönlichen Offenbarungen hat Jesus gesagt: „Ich will es, sei gesund! Ich will es, steh auf!“ Dann öffneten sich die Augen, die Ohren, es löste sich die Zunge, die Menschen konnten gehen. Das ist die Therapie von Jesus, sie ist immer für den Menschen persönlich, nie für Menschenmassen. Man kann die Menschen auch nicht massenweise von der Sünde freisprechen - nur persönlich. Und das ist wirksam. Denn das Wort Gottes ist Mensch geworden, in Jesus. Ich würde außerdem sagen, dass der Glaube nicht durch den Unglauben, sondern durch den Aberglauben zerstört wird. Dann sucht man auch Hilfe beim Okkultismus, bei verschiedenen Meditationsformen ohne richtige Lehrer, oder anderen Dinge, die letztendlich nichts bringen. Alle diese Dinge sind nur ein menschlicher Versuch. In der Kirche aber kommt Gott zum Menschen als Jesus Christus.   

Quellenangaben: Gebetsaktion Wien/121