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Wo viel Licht ist, gibt es auch Schatten

Das Ortsbild von Medjugorje hat sich besonders in den letzten zwei Jahren stark verändert. Pilger, die Medjugorje aus den ersten Jahren kennen, sind davon oft etwas irritiert. Über diese Entwicklung haben wir Pater Slavko Barbaric befragt.

Diese Pfarre hat fünf bis sechs Jahre lang tief und radikal mit den Botschaften der Muttergottes gelebt. Während dieser Zeit gab es noch keine Kommerzialisierung in dem Sinne, wie wir sie jetzt sehen. Es gab zum Beispiel in den ersten Jahren keine festgesetzten Preise für Pilger, die bei den Familien einquartiert waren. Viele Pilger waren von der Atmosphäre in den Familien sehr beeindruckt. Sie sagten, die Familien seien immer offen, beteten mit ihnen, gingen mit ihnen in die Kirche. Die Familien stellten es den Pilgern frei, was sie für Quartier und Essen geben wollten. Sie sagten: "Geben Sie, was Sie wollen." Sicher haben viele Pilger auch nichts gegeben, und die Leute von Medjugorje waren darüber nicht enttäuscht.
 Dieser "Geist des Dienens" ist in den Familien von Medjugorje auch heute noch vorhanden. Aber aufgrund des großen Pilgerstroms fällt der Pfarre mehr und mehr die Rolle der "Marta" des Evangeliums zu: Marta, so berichtet die Heilige Schrift, war ganz davon in Anspruch genommen, für Jesus zu sorgen, während ihre Schwester Maria zu Füßen des Herrn saß und Seinen Worten zuhörte (vgl. Lk 10,38ff). Jesus aber hat das Mittagessen sicher nicht deshalb abgelehnt, weil Marta nicht gemeinsam mit Maria zugehört, sondern währenddessen die Arbeit erledigt hat. Und in diesem Sinne kann man sagen, daß unsere Pfarre lange Zeit hindurch "Maria" war, daß sie jetzt aber immer mehr in die Rolle der Marta kommt.
 Anfang vorigen Jahres (1987) hat sich der Staat der Tatsache des nicht abreißenden Pilgerstroms angenommen. Etwa 15 staatliche Agenturen haben unseren Leuten durch Investitionen ermöglicht, zu bauen. Die Agenturen wußten um die Notwendigkeit, die Pilger nach Möglichkeit in Medjugorje unterzubringen, denn die Pilger waren nicht zufrieden, wenn sie zum Beispiel nach der Abendliturgie noch weit weg zu ihrem Quartier fahren mußten. Sie wollten lieber hier in der Pfarre einquartiert sein, damit sie am Abend oder am Morgen auf den Kreuzberg oder den Erscheinungsberg gehen könnten. Und aus diesem Bedürfnis der Pilger heraus entstand sozusagen dieser "Trend", der schließlich zu diesem vielen Bauen geführt hat.
 Dieses Bauen ist, wenn man das Geistige vom Materiellen trennt, wirklich eine Schattenseite des Geschehens von Medjugorje. Aber man dürfte überhaupt nicht zum Licht kommen, wenn man Angst vor dem Schatten hat. Ganz realistisch gesehen ist es so, daß Tausende und Tausende hierher kommen, um innerlich erneuert und im Glauben gestärkt zu werden. Und jeder von ihnen braucht ein Quartier, wo er wohnen kann, und er braucht jemanden, der für ihn kocht und alles für ihn vorbereitet. So ist also unsere Pfarre zur "Marta" geworden, damit die Pilger ganz in der Rolle der "Maria" sein können und Zeit und Ruhe haben, auf den Herrn zu hören. Das geht, wenn man es mit den Jahren zuvor vergleicht, bei den Bewohnern von Medjugorje oft auf Kosten des persönlichen Gebetes und der Abendliturgie in der Kirche. Aber das muß ich akzeptieren, wenn auch nicht als etwas Positives, sondern als Schatten, der eben nicht zu verhindern ist. Anders wäre es, wenn die Pilger auf Quartier und Essen verzichten könnten. So aber muß man in all dem gerechterweise auch den Geist des Dienens erkennen, aus dem heraus die Bewohner von Medjugorje seit dem ersten Tag den nicht enden wollenden Pilgerstrom aufgenommen haben.
 Ein Probelm anderer Art sehe ich in jenen, die sich nur aufgrund dieser Explosion der Bautätigkeit hier angesiedelt haben. Es sind nämlich nicht alle Neubauten von Leuten, die auch in den fünf, sechs Jahren zuvor den Geist von Medjugorje gelebt haben. Es siedeln sich jetzt hier auch Leute an, die irgendwo im Ausland viel Geld verdient haben und nun hier eine schöne Möglichkeit sehen, zu investieren und Gewinne zu erzielen. Diese Leute sind viel mehr in Gefahr, alles nur von der materiellen Seite her zu sehen. Sie sind eigens hergekommen, um zu investieren, und deshalb ist für sie nur wichtig, den entsprechenden Gewinn zu erzielen.
 Ein weiteres Problem ist, daß die Agenturen Reiseführer beschäftigen, die oft nichts mit dem Glauben zu tun haben wollen. Es gibt unter diesen Führern solche, die anderen Religionen angehören oder auch keiner, und trotzdem werden sie von den staatlichen Agenturen hier als Führer eingesetzt, besonders für Pilger aus Übersee. Das ist natürlich nicht dasselbe, wie wenn ein Ortsbewohner den Pilgern etwas aus seiner eigenen Erfahrung erzählt. Es gibt aber ohnehin keine Wahl, denn die Agenturen haben ihre Leute. Es sind allerdings einige Fälle bekannt, wo solche Führer in ihrem persönlichen Leben den Weg der Umkehr eingeschlagen haben. Einige von ihnen bereiten sich auf die Taufe vor.
 Alles wird sich zum Guten wenden, wenn hier in Medjugorje durch einige Menschen der geistige Strom beständig weitergetragen wird.
Ich persönlich habe in diesem achten Jahr der Erscheinungen erlebt, daß die Beichten und das Gebet intensiver geworden sind im Vergleich zu den Jahren zuvor. Ich bin seit Januar 1982 ständig hier in Medjugorje, und ich sehe, daß sich vieles vertieft hat. Es gibt eine interessante Statistik, und zwar wurden die Pilger gefragt. "Warum sind Sie das erste Mal nach Medjugorje gekommen?" Da gab es viele verschiedene Motivationen, und keine erreichte für sich mehr als 20 Prozent. Die Leute sind zum Beispiel gekommen, um die Seher zu sehen oder um Wunder zu erbitten. Es gab sogar die Antwort: "Ich bin einfach mit meinen Freunden mitgekommen, ohne zu wissen, wohin wir eigentlich fahren." Bei der Frage aber, warum die Pilger ein zweites Mal gekommen sind, haben 92 Prozent der Befragten geantwortet, daß sie gekommen sind, um das geistige Leben zu vertiefen.
 Die Richtigkeit dieser Umfrage zeigte sich zum Beispiel daran, daß im Sommer 1988 viele Familien und viele Gebetsgruppen nach Medjugorje gekommen sind, um hier eine oder zwei Wochen der geistigen Vertiefung zu erleben. Diese Pilger waren nicht in erster Linie auf Begegnungen mit den Sehern ausgerichtet oder darauf, irgendwelche Zeichen an der Sonne zu sehen, sondern sie sind gekommen, um hier Tage des Gebetes und der geistigen Erneuerung zu erleben. Man muß, wenn man in Medjugorje in gerechter Weise beurteilen will, auch diese erfreuliche Entwicklung sehen.
 Ich weiß aber auch um die Enttäuschung, so mancher Pilger, die 1983 oder 1984 in Medjugorje gewesen sind, als alles noch ländlich war. Als sie dann nach drei Jahren wiedergekommen sind, waren sie daürber enttäuscht, was aus Medjugorje geworden ist. Ich erinnere mich an einen Pilger, der sagte: "Als ich wiedergekommen bin, war in mir in den ersten Tagen ein richtiger Kampf wegen dieser Geschäfte und Bauten. Die ersten zwei, drei Tage waren sehr schwer für mich. Dann aber war ich in den Geist des Gebetes so hineingenommen, daß ich das andere nicht mehr beachtet habe. Ich habe bemerkt, daß eigentlich nicht die Bauten mein Problem waren, sondern die Tatsache, daß ich mich vom Geist des Gebetes zu weit entfernt hatte. Die Bauten nehme ich jetzt als normale Gegebenheit an."
 Wegen der vielen Pilger wird also viel gebaut, und das bringt Medjugorje in eine gewisse Pubertätsphase, ähnlich einem Jugendlichen, der plötzlich ein bißchen mehr Geld in seinen Händen hat und daraufhin seinen Vater fragt: "Was hast du mir jetzt noch zu sagen?" Aber diese Phase geht vorbei, und dann kommt er wieder voll Vertrauen zum Vater und weiß ihn wieder zu schätzen.
Und so hoffe ich, daß sich auch hier alles wieder beruhigen wird, wenn nur das Geistige weitergetragen wird. Ansatzweise geschieht das auch bereits. Es gibt Gemeinschaften, die jetzt hier bauen und den Pilgern später mit einem geistigen Angebot zur Verfügung stehen werden. In diesen Gemeinschaften werden Menschen zur Verfügung sein, die den Pilgern geistig beistehen werden. So wird Medjugorje eines Tages wirklich zu jener "OASE DES FRIEDENS" werden, die uns die Muttergottes versprochen hat.
 Wir sind geneigt, immer alles sofort haben zu wollen - und das wäre auch schön -, aber das ist nicht möglich. Es ist notwendig, mit Geduld und Ausdauer das Geistige durch alle Gefahren und Versuchungen hindurch weiterzutragen.

Quellenangaben: Gebetsaktion Wien/Nr.11 im Jahr 1988