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„Alles deutet darauf hin, dass die Erscheinungen anerkannt werden“ – Erzbischof Henryk Hoser reagiert auf Vorwürfe bezüglich Medjugorie

„Alles deutet darauf hin, dass die Erscheinungen anerkannt werden“ – Erzbischof Henryk Hoser reagiert auf Vorwürfe bezüglich Medjugorie

Als Sondergesandter von Papst Franziskus gibt Erzbischof Hoser Einblick in seine Arbeit.
„In Medjugorje entwickelt sich alles in die richtige Richtung“, sagt Erzbischof Henryk Hoser, Delegierter des Heiligen Stuhls, über die pastorale Situation an diesem ungewöhnlichen Ort, den jährlich 2,5 Millionen Pilger besuchen.
Erzbischof Hoser bewertet die pastorale Arbeit und ihre Früchte positiv. Aber nach der Möglichkeit gefragt, ob die Erscheinungen anerkannt werden, antwortet er: "Alles deutet darauf hin, dass die Erscheinungen vielleicht anerkannt werden, evt. noch in diesem Jahr. Lassen Sie uns nicht vergessen, dass die Kongregation für die Glaubenslehre alle Unterlagen vorgelegt hat. Diese werden an entsprechender Stelle weiter untersucht.“

Alina Petrowa-Wasilewicz, Marcin Przeciszewski, KAI: "Gewinnen Sie tiefes Wissen über die Situation in Medjugorje "- das war die Mission des Erzbischofs, beauftragt vom Heiligen Stuhl. In einem Dorf, in dem seit 1981 Erscheinungen der Mutter Gottes stattgefunden haben, verweilte der Erzbischof von Ende März bis Anfang April. Nun bereitet er einen Bericht für den Heiligen Stuhl vor.

Was sind die Schlussfolgerungen?
Erzbischof Hoser:
Ich denke, dass eine eingehende Kenntnis der Ereignisse in Medjugorje nicht möglich ist, weil wir hier in das Geheimnis Gottes und das Geheimnis des Menschen eindringen. Und das sind die Geheimnisse, deren Grund und Ursache wir nicht erkennen können.
Es wäre möglich, phänomenologisch anzugreifen und die Situation so weit wie möglich zu bewerten, aber es wird niemals zufriedenstellend sein. Es gibt spirituelle Dinge, die sehr oft überraschend und tiefgründig sind, doch nur der Herr weiß, was im Herzen des Menschen vorgeht.
Insgesamt blieb ich zwei Wochen in Bosnien und Herzegowina. Außer Medjugorje besuchte ich Sarajevo und dort den Nuntius Luigi Pezzuto und ich begegnete allen Bischöfen dieses Landes. Auf dem Rückweg traf ich Kardinal Christoph Schönborn in Wien.

Was hat Sie am meisten bewegt bzw. beeindruckt während Ihres Aufenthaltes in Medjugorje?
Erzbischof Hoser:
Ich kenne einige andere Orte, an denen die Mutter Gottes erschienen ist, sowie Pilgerstätten wie z.B. Fatima, Lourdes, Lisieux und Tschenstochau. Ich sehe den starken Charakter, die starke Besonderheit von Medjugorje. Dies kommt in der riesigen Wachstumsdynamik dieses Ortes und zugleich in der außergewöhnlichen Kreativität der Werke, die dort entstehen zum Ausdruck. Das gibt es an anderen Orten nicht.

Wie kann man die Atmosphäre von Medjugorje beschreiben?
Erzbischof Hoser:
Mit ein paar einfachen Worten: Gebet, Stille, Konzentration/Fokus, Eucharistie, Anbetung, Fasten, dem Sakrament der Versöhnung. Das sind die Stärken dieses Ortes. Menschen, mit denen man sich unterhält, bemerken vor allem die außergewöhnliche Atmosphäre der Konzentration, der Fokussierung und der Stille.
Die Stille ist vordergründig. Es finden verschiedene Gottesdienste statt und die Anbetung. Natürlich gibt es einen Marienkult, aber im christlichen Sinne. Alle klassischen Gottesdienste, wie der Kreuzweg oder der Rosenkranz werden angeboten.
Die ganze Topographie ist die natürliche Kulisse dieses Ortes. Es sind berührende Momente, wenn Leute, noch sehr jung, auf Knien auf den Steinen den Hügel erklimmen um zur Stelle der Erscheinungen zu kommen. Die Steine sind da bereits ein wenig poliert.
Die Besonderheit des Ortes ist auch die Beseitigung der touristischen Elemente. Die Franziskaner sind in dieser Hinsicht sehr sensibilisiert. Es ist ein reiner Pilgerort, niemand kommt um seine Neugier zu befriedigen.
Es gibt auch einen kommerziellen Aspekt, aber auf einem ziemlich hohen Niveau, z.B. wird mit religiösen Gegenständen gehandelt, die vor Ort hergestellt werden. Aber Stille und Anbetung dominieren. Die Palette von Angeboten für die Pilger ist sehr groß; z.B. gibt es jeden Tag zwei Katechesen. Die Seelsorge ist sehr gut.

Betrachtet man die ankommenden Pilger - Welcher Eindruck entsteht?
Erzbischof Hoser:
Alle sind sehr glücklich.  Als ich sie traf freuten sie sich und waren sehr offen. Es sind alle Generationen vertreten, es gibt keine vorherrschende bestimmte Altersgruppe.
Die Jungen helfen den Älteren, z.B. tragen junge Mitglieder der Gemeinschaft Cenacolo Behinderte huckepack den Podbrdo hinauf. Er ist nicht hoch, aber man muss auf den Felsstücken laufen. Steigen Sie auf den Kriżevać, so ist das auf großer Höhe und wirklich harte Arbeit.

Mit welcher pastoralen Unterstützung können die Pilgern rechnen, mit welchem sakramentalen Dienst und in welcher spirituellen Form?
Erzbischof Hoser:
Der Kern, wie in anderen Pilgerstätten, ist Gebet, Liturgie und der Besuch der Orte, an denen nach der Botschaft Offenbarungen stattfanden. Jeden Freitag wird der Kreuzweg auf den Berg Kriżevac gebetet. Und die Liturgie in der Kirche in Medjugorje ist in einem wöchentlichen Zyklus angeordnet. Jeden Tag ist Morgenmesse, am Nachmittag wird der Rosenkranz gebetet. Der Abendblock beginnt mit einem gemeinsamen Gebet. Um 18 Uhr ist die Hauptmesse, gefolgt von einem Dankgebet für empfangene Heilung. Die Anbetung des Gesegneten Sakraments wird gefeiert. Am Freitag wird das Kreuz angebetet. Auf diese Weise sind die heilige Messe und Jesus Christus immer im Mittelpunkt der Ereignisse.
Es gibt auch Massenveranstaltungen wie das Jugendfestival. Es findet immer Anfang August statt und es nehmen 50-70tausend junge Leute aus der ganzen Welt teil. Da sie schon lange nicht mehr alle in die Kirche passen, wurde hinter der Kirche ein riesiges, flaches Amphitheater mit einem überdachten Feldaltar gebaut. Es gibt mehrere tausend Sitzmöglichkeiten auf Klappstühlen. Die Infrastruktur ist daher, wenn auch unzureichend, sichergestellt. Die Franziskaner haben keine Erlaubnis zu erweitern.
Darüber hinaus, liegt ein sehr starker Akzent auf der christlichen Bildung durch verschiedene Formen der Katechese, des Rückzugs oder in Seminaren. Bereits zum zweiundzwanzigsten Mal wurden von den Franziskanern Seminare organisiert, die ein paar hundert Menschen aus dutzenden von Ländern besuchten.
Die Seminare finden im Domus Pacis Retreat-Zentrum statt. Für größere Gruppen steht ein Gebäude namens Aula „Johannes Paul II“ zur Verfügung. Diese Aula kann mehrere hundert Menschen beherbergen und besteht aus mehreren Modulen, so dass der Platz je nach Bedarf angepasst werden kann.
Die Übersetzung ist ausgezeichnet. Es gibt ein besonderes Zimmer, im Haus von Radio MIR Medjugorje, dort stehen 18 Kabinen zur Verfügung, um in verschiedene Sprachen zu übersetzen; u. a. auch in Polnisch. Jeder der Dolmetscher sitzt vor einem Monitor, der die Feierlichkeiten aus der Kirche oder von anderen Ereignissen überträgt. Überall sind Kameras installiert. Jede Sprache wird übersetzt und auf verschiedenen Frequenzen ausgestrahlt, sodass die Pilger die Geschehnisse individuell empfangen können, z.B. mit ihren Mobiltelefonen.

Darf ein gewöhnlicher Pilger, der dort ankommt, an Seminaren teilnehmen?
Erzbischof Hoser:
Ja. Dies ist ein Standardmerkmal des Programms. Die Seminare sollen den Glauben der Pilger vertiefen. Es gibt auch Seminare für Gruppenleiter, die nach Medjugorje kommen. Diejenigen, die andere führen, sollen auch die Möglichkeit haben geistig zu wachsen, so dass die Pilger die empfangen werden eine ordnungsgemäße Bildung erhalten.
Spezielle Seminare werden organisiert, z.B. für Priester aus aller Welt. Sie kommen Anfang Juli für eine Woche nach Medjugorje. Das Programm besteht u. a. aus einem  Besuch der Wallfahrtsorte, der Teilnahme an der Liturgie und thematischen Konferenzen. Es gibt auch Seminare für verheiratete Paare und Familien und für medizinische Fachkräfte.
Seit zwei bis drei Jahren finden Seminare für Interessierte zum Thema „Pro-Life“ – für das (ungeborene) Leben statt. Separate Seminare widmen sich Verwundeten, Überlebenden traumatischer Situationen oder Solchen, die selbst Schuld auf sich geladen haben und nun heilen möchten bzw. müssen.

Aus welchen Ländern pilgern die Menschen nach Medjugorje?
Erzbischof Hoser:
Die größten Gruppen kommen aus Italien und aus Polen. Gegenwärtig sind die Zahlen der Pilger aus diesen Ländern vergleichbar. Außerdem kommen Wallfahrer aus achtzig Staaten: aus Nord- und Südamerika, Australien und Neuseeland, den Philippinen. Sie kommen aus der ganzen Welt. U. a sehr viele aus Südkorea.
Es muss daran erinnert werden, dass Medjugorje sein eigenes Weltnetzwerk hat. Es gibt sogenannte Zentren des Friedens in Spanien, Deutschland, Südamerika. In Polen befindet sich ein solches Zentrum in Piotrków Trybunalski. Es veröffentlicht einen Newsletter auf Polnisch. Alle Zentren haben eigene Internetseiten und sind auch in den Social-Media-Plattformen wie Facebook, Twitter, Instagram, usw. aktiv.

Die Kustos des Sanktuariums sind die Franziskaner…..
Erzbischof Hoser:
Medjugorje ist kein Heiligtum, ein solcher Status wurde ihm noch nicht gewährt. Das ist eine Pfarrei, die seit Jahrhunderten der Pflege der Franziskaner anvertraut ist. Es gibt zwölf Väter, keine große Gemeinschaft, aber sie arbeiten sehr gut zusammen. Ich bewundere ihr Engagement. In ihrer religiösen Gemeinschaft herrscht eine sehr gute Atmosphäre.
Zusätzlich zu den Franziskanern werden die Pilger von hier ansässigen ausländischen Priestern begleitet: einem Italiener, einem Polen aus der Diözese Ermland und einem englischsprachigen Dominikaner. Alles in allem ein kleines Team. Außerdem helfen auch Priester, die im Rahmen einer Wallfahrt kommen, aus.
Es ist erwähnenswert, dass sich die Franziskaner auf den spirituellen Dienst konzentrieren und nicht für die Unterkunft der Pilger sorgen. Abgesehen von Domus Pacis führen sie keine Hotels. Das ist Aufgabe der Einheimischen, ähnlich wie in Lichen oder in Lourdes, die Stadt mit den meisten Hotels in Frankreich, nach Paris. Taxis sind vorhanden, es gibt auch Restaurants und Souvenirläden.

Erzbischof Hoser, was ist das größte Phänomen in Medjugorje, außer natürlich der angeblichen Offenbarungen?
Erzbischof Hoser:
Das Phänomen von Medjugorje ist die Beichte. An den Seiten der Kirche St. Jakob sind zwei lange, besonders gebaute Pavillons, in denen es fünfzig Beichtstühle gibt. Sie sind überdacht, so stören auch Hitze oder Regen nicht. Die Menschen stehen in langen Schlangen und haben die Möglichkeit zu beichten und ihre Sünden zu bekennen. Die hl. Beichte kann in mehreren Sprachen gehört werden.
Ich habe mit Beichtvätern gesprochen, die vor Ort arbeiten. Sie sagten, es würde reichen eine Stunde lang die Beichte zu hören um Bekenntnisse und echte Wandlungen der Menschen zu erleben. Es finden viele Lebensbeichten statt, die aus einer tief empfundenen Reue geschehen und als Generalbeichte angesehen werden können. Oft kommt es vor, dass jemand seit Jahrzehnten zum ersten Mal wieder beichtet, weil ihn die Gnade so stark berührt hat. Nur eine Stunde….

Wer beichtet?
Erzbischof Hoser:
Hauptsächlich die Franziskaner, aber sie profitieren auch von dem Dienst der Priester, die mit Pilgergruppen kommen. Diese Priester müssen sich in der Wallfahrtskirche registrieren, erst dann erhalten sie die Kennung, die sie zu liturgischen Aktivitäten ermächtigt und somit auch zum Hören der Beichte.

Ein weiteres Merkmal von Medjugorje sind viele Werke der Barmherzigkeit….
Erzbischof Hoser:
Abgesehen von der Bildung ist ein weiteres, sehr aktives Tätigkeitsfeld in Medjugorje die Wohltätigkeit. Jahrelang gab es einen großen charismatischen Franziskaner Vater Slavko Barbaric. Er war ein Energiebündel, man könnte sagen ein Vulkan der Energie, der alle Initiativen, die heute existieren, gegründet hat.
Nach einem Dutzend Jahren seiner Tätigkeit verstarb er plötzlich im Jahr 2000 auf dem Križevac.
Er schuf unter anderem das Mutterdorf, bestehend aus einer ganzen Kolonie von Häusern. Hier leben biologische oder soziale Waisen und Problemkinder. In den dortigen Kindergarten kommen auch Kinder aus dem Dorf und der näheren Umgebung.
Die „Mutterdorfkinder“ leben in "Nestern" mit zwei erwachsenen Betreuern - Freiwilligen, u. a. Franziskaner-Schwestern. Diese "Nester" sind wie normale Wohnungen eingerichtet und hier leben kleine Gruppen von etwa acht Personen; dies bietet eine familiäre Atmosphäre.
Alle Kinder werden dort nach Bedarf medizinisch und psychologisch versorgt.
Der zweite solche Ort ist das Haus des barmherzigen Vaters, das in seinem Namen auf das Gleichnis des verlorenen Sohnes verweist. Hier leben Männer im Übergang - Drogenabhängige, ehemalige Gefangene, Alkoholiker, Süchtige. Sie leben nach dem Benediktinerprinzip "Ora et labora" - sie lernen zu beten und zu arbeiten. Es gibt verschiedene Ateliers, wo religiöse Gegenstände hergestellt werden. Ich beobachtete einen stark tätowierten Mann, der mit einem winzigen Bohrer Rosenkranzperlen mit Löchern versah.
Das Haus des barmherzigen Vaters hat auch einen Bauernhof und Gärten, wo diese Männer arbeiten, was therapeutisch für sie wichtig ist. Es gibt Schweine auf dem Bauernhof, weil "die Bewohner" sich an das Schicksal des Sohnes aus dem Gleichnis erinnern sollen. Der Verschwender, der den Vater verließ und später bei den Schweinen landete. Es war für ihn die Motivation zur Umkehr.
Das Zentrum wird von einem Franziskaner geführt, dem rehabilitierte Männer helfen. Sie haben eine solche "Nase", dass kein Betrüger oder Drogensüchtiger sie an eben dieser herumführen könnte.
Außerdem gibt es auch das Mutterhaus von Kryspina für alleinerziehende Mütter mit Kindern und schwangere Frauen. Die Frauen können hier so lange bleiben, bis sie wieder auf eigenen Füssen stehen und selbst für sich sorgen können.
Diese Wohltätigkeitsorganisationen sind die Frucht des Glaubens an diesem Ort. Von anderen Pilgerstätten kenne ich so etwas nicht. In Lourdes gibt es etwas Ähnliches - aber für Kranke und nur mit kurzem Aufenthalt. Sonst gibt es keine Zentren, in denen die Bewohner für längere Zeit oder auch dauerhaft bleiben dürfen.

In Medjugorje werden auch geistige Gemeinschaften geboren….
Erzbischof Hoser:
Wie Pilze nach dem Regen. Viele kommen von außen und implantieren sich dort, wie z. B. der italienische Cenacolo, der sich um Jugendliche aus verschiedenen Szenen kümmert. Ein seltsames Phänomen, weil die tätowierten Skinheads sich wie Ministranten verhalten. Während der Liturgie tanzen sie, sie singen, sie sind sehr engagiert und nicht gelangweilt.
Es gibt die französische Gemeinschaft der Seligpreisungen. Sie hat internationalen Charakter: Italienisch, Französisch, Österreichisch, ca. zwölf Personen. Sie haben ein schönes Haus und zwei Kapellen. Sie arbeiten international, eine der Schwestern schreibt Bücher, die auf der ganzen Welt veröffentlicht werden.
Insgesamt gibt es dort etwa dreißig Gruppen und Gemeinschaften. Ich konnte nicht alle besuchen. Unter ihnen sind ganz neue entstanden, die in Medjugorje ihre Wurzeln haben. Eine von ihnen hat eine ökumenische Haltung, orientiert sich in östliche Richtung, in die Ukraine. Sie wird von einer ukrainischen Frau geleitet. Die Mitglieder suchen und erkennen ihren Weg. Ich habe mit allen Leitern der Gruppen und Gemeinschaften, bei denen ich zu Gast war, gesprochen.

Und wie steht es in Medjugorje zur Frage der Heilungen?
Erzbischof Hoser:
Täglich wird um Heilung gebetet. Es ist nichts Besonderes, wir beten in jeder Pfarrei dafür. In Medjugorje findet die Heilung statt. Und ihre Dokumentation ist professionell im örtlichen Archiv gespeichert. Hier werden medizinische Aufzeichnungen gesammelt. Jeder Fall wird, genau wie in Lourdes oder anderen Heiligtümern mit einer längeren Tradition, dokumentiert.

Wenn man die Worte Jesus bedenkt: "An den Früchten werdet ihr sie erkennen", so kann es bezüglich dem Medjugorie-Phänomen nur eine Schlussfolgerung geben?
Erzbischof Hoser:
Es herrscht dort eine sehr spirituelle Atmosphäre. Und es entstehen viele neue Initiativen, z.B. der jährliche Marsch des Friedens, der während des Krieges auf dem Balkan in den neunziger Jahren begann. In dieser Zeit kümmerte sich P. Slavko Barbaric um die Kriegswaisen. Der Marsch startet ab dem Franziskanerkloster in Humak ins 11 km entfernte Medjugorje.Die Pilger beten für den Frieden und wollen dieses Gebet an die ganze Welt weitergeben. Die Mutter Gottes erscheint den Sehern als die Königin des Friedens.

Sie betonen den starken Christozentrismus, um den sich die pastoralen Aktivitäten in Medjugorje konzentrieren. Sie sagen, es gäbe keine Probleme mit der Orthodoxie. Es gibt aber doch Spannungen und schwierige Beziehungen zwischen den Franziskanern und dem örtlichen Bischof.
Erzbischof Hoser:
Ja, sicherlich gibt es einige Probleme kanonisch-administrativer Natur, aber meiner Meinung nach sind sie lösbar. Auf der anderen Seite habe ich mich nicht mit dem Inhalt der Erscheinungen beschäftigt, weil es nicht meine Aufgabe ist.
Aber ich konnte sehen, dass es grundsätzlich keine falsche Lehre in ihrem Inhalt gibt. Allerdings wird behauptet, dass sich die Seher oft seltsam ausdrücken. Aber das sagen Leute, die keine theologische Bildung besitzen, so dass sie sich ausdrücken, wie sie sich fühlen und wie es ihnen möglich ist.
Wenn wir die Marianischen Erscheinungen in anderen Teilen der Welt betrachten, stellen wir, ähnlich wie in diesem Fall, fest, dass keiner der Visionäre eine theologische Bildung besaß; Bernadette von Lourdes konnte nicht einmal schreiben, die Kinder von Fatima - Jacinta, Lucia und Francisco auch nicht.
Lucia erhielt erst später eine solide Grundbildung im Kloster. Sie konnte veröffentlichen und wie die Kinder in Medjugorje hatte sie lebenslang Erscheinungen. Auch in Medjugorje-dauern die Offenbarungen bis heute an. Es wurde berechnet, dass es bisher insgesamt 40tausend davon gab. Meiner Meinung nach ist das kein wichtiges Hindernis.
Als ich mit den Sehern sprach, fiel mir auf, dass sie sehr ausgeglichen sind. Ich traf vier von ihnen. Das sind die Damen, die während der ersten Erscheinungen von 1981 Teenager waren und heute haben sie Enkelkinder. Sie alle gründeten Familien.
Letztlich ist der rote Faden in den Erscheinungen die Familie. Manche beschweren sich, da die Seher keine Priester oder Nonnen sind, wie z.B. Lucia Santos. Aber die Welt hat sich seitdem verändert, und das Kloster ist nicht der einzige Weg, um einer christlichen Berufung zu folgen. Diese Menschen leben in heutiger Zeit und gehen den Weg des Sakraments der Ehe. Sehr gut, weil sie die Schönheit des Familienlebens zeigen können, das in der heutigen Welt sehr bedroht ist.

Medjugorje ist einerseits - wie der Erzbischof betont - ein Ort der spirituell fruchtbar ist, mit einer guten Atmosphäre von Fokus und Anbetung, wo man nicht vom Lehrenfehler oder anderen Abweichungen sprechen kann. Und auf der anderen Seite haben wir dort eine sehr schwierige Beziehung zum örtlichen Bischof, Ratko Perić. Ist das nicht paradox?
Erzbischof Hoser:
Die negative Position des Bischofs Peric ist bekannt. Zu Beginn der Erscheinungen war Bischof Pavel Žanić zuständig, er starb im Jahr 2003. Bis zu seinem Tod vertrat er die Meinung, dass die Erscheinungen Betrug seien. Sein Nachfolger, der jetzige Bischof Peric vertritt die gleiche Meinung. Er behauptet, dass diese Offenbarungen nicht übernatürlich sind.
Mittlerweile bittet unsere Mutter Gottes in Medjugorje um nichts anderes als um das, woran auch die Kirche appelliert und das ist Fasten, Beten und Almosen geben. In Medjugorje praktiziert man das Fasten am Mittwoch und Freitag (bei Brot und Wasser), kontinuierliches Gebet ist selbstverständlich und wenn es um Almosen geht, so gibt es zahlreiche soziale Werke.
Es besteht auch die Möglichkeit zu einem einwöchigen "Brot und Wasser"-Rückzug. Die Teilnehmer bekommen dreimal am Tag Brot und Wasser, wobei sie das Brot sehr langsam essen; die Mahlzeit dauert etwa eine Stunde. Das lange Kauen des Brotes, soll dazu dienen, die Erinnerung an den Brotgeschmack möglichst lange zu erhalten und niemals zu vergessen.

Und wie steht Bischof Peric zu den Früchten der pastoralen Arbeit. Überzeugen ihn diese Früchte nicht?
Erzbischof Hoser:
Das ist analog zu einigen anderen Marienerscheinungen, wie die von L’Île-Bouchard in Frankreich im Jahre 1947. Sie wurden nicht anerkannt, aber zur gleichen Zeit wurde erlaubt Anbetung auszuüben. Der Marienkult braucht nicht in Verbindung mit den Erscheinungen zu existieren.
Und noch mehr wird dieser Kult in Medjugorje verstanden, wo sich unsere Gottesmutter als Königin des Friedens präsentiert. Das ist nichts Neues oder Beunruhigendes. Dies ist einer der Anrufe aus der Loretto Litanai. Es gibt viele Pfarreien auf der ganzen Welt unter diesem Aufruf. Ein berühmter polnischer Künstler Mariusz Drapikowski macht Altäre für die Heiligtümer Unserer Lieben Mutter Gottes des Friedens in Bethlehem, Kasachstan, Jamusukro, Kibeho.
Und wenn wir das Heiligtum in Kibeho betrachten, ist die Analogie mit Medjugorje klar. Zuerst erlaubte dort der lokale Bischof J.B. Gahamanyi die Anbetung und setzte dann die Forschung über den Wahrheitsgehalt der dortigen Erscheinungen fort. Ich bin überzeugt, dass irgendwelche Verbote der Anbetung oder Reisen nach Medjugorje nicht gerechtfertigt wären.
Deshalb habe ich während der Sonntagsmesse in Medjugorje, die ich für die Gläubigen gefeiert habe, gesagt, dass dieser Kult um die Mutter Gottes entwickelt werden darf und muss. Es gibt keine doktrinären oder kanonischen Hindernisse, die gegen die Verehrung der Mutter Gottes überall auf der Welt sprechen würden.

Und ist es möglich, die Wahrhaftigkeit dieser Erscheinungen durch den Heiligen Stuhl anzuerkennen, obwohl der örtliche Bischof sie für unwahr hält?
Erzbischof Hoser:
Das ist möglich. Ich hörte, dass das Vatikanische Komitee, das unter Kardinal Camilo Ruini arbeitete, die ersten sieben Erscheinungen für wahr erklärte, obwohl dies nicht offiziell veröffentlicht wurde. Zu den späteren Erscheinungen sprach sich das Komitee nicht aus, weil es erst die Auswirkungen der Erscheinungen abwarten wollte.

Es gab Behauptungen, dass die Enthüllungen in Medjugorje zu zahlreich sind, dass die Gottesmutter zu gesprächig sei?
Erzbischof Hoser:
Hier könnte man die heilige Faustyna zum Vergleich nennen, die jeden Tag mit Jesus sprach. Das sollte kein großes Hindernis darstellen. Natürlich muss man für jeden Aspekt sensibel sein, die Möglichkeit von psychischen Störungen oder Besessenheit war nicht auszuschließen. Allerdings wurden die Sehenden von einem Team von hervorragenden Spezialisten, Psychiatern und Psychologen gründlich untersucht. Es wurde nichts Pathologisches gefunden. Im Gegenteil: es handelt sich um gesunde junge Leute aus gesunden Familien.
Bis heute leben sie alle in Ehen und keine ist zerbrochen. Keiner der Seher hat  je eine Glaubenskriese gehabt. Jakov Colo, der jüngste von ihnen, der zehn Jahre alt war und die Spiritualität von Medjugorje zum großen Teil mit prägt, gründete die Organisation "Mariens Hände", eine Art Wohltätigkeitsverein, weil ihm die Muttergottes gesagt hat, dass wir „Ihre Hände“ für die Armen und Bedürftigen sein sollen.

Vielleicht ist der Grund für die ablehnende Haltung des Bischofs, historisch zu sehen, weil der gesamte Balkan früher franziskanisch war, was Konflikte mit der Hierarchie erzeugte?
Erzbischof Hoser:
Es war eine schwierige Phase, als die Franziskaner die, seit Jahrhunderten von ihnen geführten, Pfarreien an die Diözese abgeben mussten. Und die Leute waren nicht einverstanden, weil die Franziskaner schon seit Ewigkeiten da waren und die schwierigsten Zeiten der türkischen Besatzung überlebt hatten.
Es gibt fünf Pfarreien in Bosnien, die vom Diözesanstreit mit den Franziskanern betroffen sind. Aber heute besteht zwischen den Bischöfen und den Franziskanern die vorherrschende Haltung des Dialogs und der Gespräche.

Was sind Ihre Schlussfolgerungen im Bericht an den Heiligen Stuhl, lüften sie das Geheimnis?
Erzbischof Hoser:
Ich kann nur sagen, dass die Schlussfolgerungen positiv sind. Jedenfalls hat der Heilige Vater schon im Flugzeug auf dem Rückweg von Fatima über Medjugorje gesprochen, und jetzt schickte er Kardinal Simoni-Troshani aus Albanien hin und bat darum, eindrucksvoll zu predigen.
Ich denke, alles geht in die richtige Richtung. Auf jeden Fall war meine Mission nicht die Untersuchung um Medjugorje abzuschließen, sondern um zu beurteilen, ob der pastorale Dienst dort richtig ist, im Einklang mit der Lehre und der Kirche, effektiv und gut organisiert. Ich beschließe, dass dies der Fall ist. Auf der pastoralen Seite ist meine Einschätzung sehr positiv. Die pastoralen Aktivitäten, die liturgische Ordnung und die Konferenzen sollten fortgesetzt werden.

Und schlagen Sie Verbesserungen vor, Reformen?
Erzbischof Hoser:
Es gibt viel zu tun im Bereich der Infrastruktur, sowie im rechtlichen und administrativen Bereich. Es muss z.B. ein gemeinsamer Raumordnungsplan entstehen, denn alles, was da ist, wurde ein bisschen chaotisch gebaut. Für die Sicherheit sollte das ganze Gebiet eingezäunt sein, denn es gibt ein Tor, aber auf der Rückseite ist kein Zaun vorhanden, obwohl es eine uniformierte Wache gibt, die diejenigen eliminiert, die nicht mit frommen Absichten kommen.

Wird sich nach ihrem Bericht die Haltung zur Organisation von Wallfahrten nach Medjugorie durch die Kirche ändern? – Momentan ist dies verboten.
Erzbischof Hoser:
Sie können auf Pilgerfahrt gehen. Es war nicht möglich, offizielle Wallfahrten mit Teilnahme der Bischöfe zu organisieren etc. Aber das ist nicht mehr gültig. Immerhin waren dort vier Kardinäle, viele Bischöfe und Tausende von Priestern, die die Gläubigen begleiten. Die Situation heute ist folgende: die Pilgerfahrten sollten nicht durch die offiziellen Strukturen der Kirche, der Diözesen oder der Pfarreien organisiert werden. Aber es können Gruppen von Gläubigen zusammen mit einem Priester hinfahren.
Jedenfalls wird diese Bewegung nicht aufhören und sollte nicht gestoppt werden, weil es gute Früchte sind. Es ist einer der lebendigsten Orte des Gebets und der Umkehr in Europa – gesunde Geistlichkeit.

Kann dieser Bericht zur Anerkennung der Erscheinungen beitragen?
Erzbischof Hoser:
Nicht direkt, weil er einen anderen Bereich als den der Erscheinungen betrifft. Alles deutet darauf hin, dass die Erscheinungen anerkannt werden, vielleicht noch in diesem Jahr. Lassen Sie uns nicht vergessen, dass die Kongregation für die Glaubenslehre alle Unterlagen vorgelegt hat. Diese werden an entsprechender Stelle weiter untersucht.
Genauer gesagt, denke ich, es ist möglich, die Echtheit der ersten Erscheinungen anzuerkennen, wie es die Kommission von Kardinal Ruini vorschlug. Letztlich ist ein anderes Urteil unwahrscheinlich, denn es ist schwer zu glauben, dass sechs Seher über 36 Jahre hinweg lügen sollen. Das was sie sagen ist schlüssig. Unter ihnen gibt es keine Besessenheit oder auch psychische Instabilität oder Geisteskrankheit. Ein kraftvolles Argument für die Echtheit der Erscheinungen ist die Treue zur Lehre der Kirche.
Wenn die Erscheinungen, wenigstens die ersten sieben, anerkannt werden, wird sich ein enormer Entwicklungsschub für Medjugorje ergeben…

Würde die Diözese des Erzbischofs Hoser eine Reise nach Medjugorje empfehlen?
Erzbischof Hoser:
Wärmstens. Ich würde sagen, dass es eine Pilgerfahrt der spirituellen Umwandlung, Umkehr und Stärkung im Glauben würde, weil alle diese Elemente sich dort verwirklichen.

Vielen Dank für das Gespräch.