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1. Neue Wege aus Medjugorje

1.1. Die Geschehnisse und die geistlichen Früchte von Medjugorje

Vier Jahre nach Beginn der „Erscheinungen“ stand Medjugorje schon im Zentrum der Weltöffentlichkeit und hat Millionen von Pilgern aus aller Welt angezogen. Der Präfekt der Römischen Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, wurde im Gespräch zur Lage des Glaubens (im Jahr 1985) von Vittorio Messori auch auf Medjugorje angesprochen, ob im Bezug auf die dortigen Geschehnisse ein klärendes Wort von der Glaubenskongregation zu erwarten sei. Der Kardinal betonte „die Geduld“ als Grundsatz auf diesem Feld, weil keine Erscheinung glaubensnotwendig ist und die Offenbarung mit Jesus Christus abgeschlossen ist. „Er selbst ist die Offenbarung. Aber wir können Gott nicht hindern in diese unsere Zeit hinein durch einfache Personen und außergewöhnliche Zeichen zu sprechen.“ Die offiziell von der Kirche anerkannten Orte, wie Lourdes und Fatima zeigen, dass die Offenbarung nicht etwas Totes ist, sondern etwas Lebendiges und Vitales. So sind die häufigen „Meldungen über ´Marienerscheinungen´ aus der ganzen Welt“ für den Kardinal als „Zeichen unserer Zeit“ zu betrachten.
Auf die Frage weiterer Kriterien außer der Geduld und der Vorsicht weist Kardinal Ratzinger auf eine weitere Differenzierung hin, „dass wir den Gesichtspunkt der wirklichen oder vermuteten ´Übernatürlichkeit´ der Erscheinungen von jenem ihrer geistlichen Früchte trennen.“ Die Kirche hat in ihrer Geschichte mit der Tradition von Wallfahrtsorten diese Erfahrung gemacht. Wallfahrten waren für das christliche Volk segensreich, heilsam und wichtig, obwohl heute unser moderner kritischer Geist entsetzt wäre, was mancherorts die wissenschaftliche Richtigkeit der daran geknüpften Tradition betrifft.
Die Aufgabe besteht in „der Bewertung der Lebendigkeit und der Rechtgläubigkeit des religiösen Lebens, die sich um diese Orte herausbilden“. Deshalb sind im Mittelpunkt der Prüfungen der jüngst eingesetzten internationalen Untersuchungskommission bei der Kongregation für die Glaubenslehre unter der Leitung von Kardinal Camillo Ruini (die erste Sitzung wurde am 26. März 2011 abgehalten) nicht nur die Erscheinungen von Medjugorje, sondern das geistliche Leben und die seelsorgliche Begleitung der Pilger. Nicht zu übersehen sind in diesem Zusammenhang auch die geistlichen Bewegungen und Gemeinschaften, die durch die Geschehnisse von Medjugorje entstanden sind und durch sie befruchtet worden sind.

1.2. Medjugorje und die neue Evangelisierung

Die spirituellen Impulse des Friedens, der Umkehr und der Versöhnung, die durch die Marienerscheinungen von Medjugorje ausgehen, befruchten schon über 30 Jahre die Kirche und sind ein Hoffnungsschimmer für unsere Zeit. Den Menschen geben sie in den vielschichtigen Krisen der Kirche und der Gesellschaft unserer Zeit Halt und sind ein Beitrag zur neuen Evangelisierung unserer Welt heute.
Den Ausdruck der „neuen Evangelisierung“ prägte Papst Johannes Paul II. am 9. Juni 1979 bei seiner ersten Reise in sein Heimatland Polen in Nowa Huta, einem Industrieviertel von Krakau. Nowa Huta ist von der kommunistischen Regierung als eine „Stadt ohne Gott“ erbaut worden, ohne religiöse Symbole und ohne Kirche. Doch die getauften Arbeiter erbauten ein Kreuz, um welches sie sich regelmäßig versammelten. In den Auseinandersetzungen mit der atheistischen Staatsgewalt setzten sie dann den Bau einer Kirche durch. Der Begriff der Neuevangelisierung ist von der Geschichte der Kirche in Nowa Huta geprägt. Der Papst sagte dort am Schluss seiner Predigt: „Vom Kreuz in Nowa Huta nahm die Neuevangelisierung ihren Anfang: die Evangelisierung des zweiten Millenniums … Die Evangelisierung des neuen Jahrtausend muss sich auf das II. Vatikanische Konzil beziehen. Sie muss ein gemeinsames Werk von Bischöfen und Priestern, von Ordensleuten und Laien sein, ein Werk der Eltern und Jugend.“
Der Ruf nach einer Neuevangelisierung unserer Welt ist lauter geworden. Papst Benedikt XVI. hat in seiner Botschaft zum 26. Weltjugendtag und bei einer Begegnung mit jungen Ordensfrauen in Madrid von „einer Art ´Gottesfinsternis´, die heute festzustellen ist“, gesprochen und von einem „gewissen Gedächtnisschwund, wenn nicht sogar eine ausgesprochene Ablehnung des Christentums und eine Zurückweisung des Glaubensguts, wobei die Gefahr besteht, die eigene, tiefe Identität zu verlieren.“ Die Diagnose ist also klar. Wie soll aber die Neuevangelisierung sein und wer wird sie bewirken? Wo sind die Missionare?
Bei der Ansprache im Deutschen Bundestag verglich Papst Benedikt XVI. „die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann“ mit „den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben.“ Wenn diese Diagnose für unsere Zeit zutrifft, dann stellt sich die Frage, wo sind die Propheten, die die verschlossenen Fenster der selbstgemachten Welt aufreißen und uns die Weite der Welt, den Himmel und die Erde als Gottes Schöpfung neu sehen und mit ihr richtig umzugehen lernen?
Wenn wir auf die vergangenen dreißig Jahre Medjugorje zurückblicken und die Erneuerungsbewegungen, die daraus hervorgegangen sind, können wir feststellen, dass Gott durch Medjugorje viele Männer und Frauen für die Evangelisierung erweckt hat. Sie wurden durch die Gottesmutter in die Erfahrung der Nähe Gottes geführt und von seinem Geist ergriffen. Begabt wurden sie von Gott zu reden und entflammt bringen sie Jesus unserer heutigen Welt näher. So wie in Nowa Huta bereichern durch Medjugorje, getaufte Männer und Frauen, Laien und Geweihte in den unterschiedlichen Diensten die Sendung der Kirche in unserer heutigen Welt.

1.3. Die Integration der geistlichen Früchte von Medjugorje in die Kirche

Gott weiß um die Not der Kirche in unserer Welt. Deshalb hat er in jeder Generation, Männer und Frauen berufen und ihnen Charismen zum Aufbau und Weiterbau der Kirche Jesu Christi geschenkt. Es scheint, dass dies heute auf besondere Weise, auch durch die Ereignisse von Medjugorje, geschieht. Gott inspiriert zu neuen Wegen, um möglichst viele Menschen zu erreichen und sie für das Reich Gottes zu begeistern.

In den letzten Jahrzehnten sind überall auf der Welt Gemeinschaften entstanden, die eine besondere Bereitschaft und Berufung von den Mitgliedern fordern: ein Leben nach dem Evangelium, unter einer Regel und der Leitung eines Vorgesetzten, Gütergemeinschaft, Gehorsam, Einordnung zu liturgisch geprägtem Tagesablauf und vieles mehr. Solche Gemeinschaften wollen im Glauben und in der Nachfolge Jesu ein Ort der gegenseitigen, geschwisterlichen Liebe und Hingabe sein, beauftragt mit einer speziellen Aufgabe in der Kirche. Die Geschehnisse von Medjugorje haben bestehende kirchliche Bewegungen und geistliche Gemeinschaften befruchtet und neue entstehen lassen.
Für das Entstehen neuer Gemeinschaften und neuer Formen gottgeweihten Lebens ist ein Weg der Integration in die Kirche notwendig, ein Prozess des Hinhörens auf den Geist Gottes und die Prüfung des jeweiligen Charismas durch die kirchlichen Autoritäten.
Beispielhaft für so eine Integration ist die Erfahrung von Pater Dr. Gianni Sgreva CP, Professor für Patristik in Verona. Er verspürte durch die Ereignisse von Medjugorje, gemeinsam mit einigen Jugendlichen den Wunsch, einen Weg des Gebetes in einer Form gottgeweihten Lebens zu gehen.
Um in dieser Frage Klarheit zu erlangen, legte Pater Gianni dieses Anliegen Kardinal Ratzinger vor. Dieser ermutigte Pater Gianni und riet ihm klar zwischen den Erscheinungen von Medjugorje, über die das Urteil der Kirche noch aussteht, und den Früchten zu unterscheiden, die dieses Ereignis hervorbringt. Vor allem jene Bekehrungen, die langsam zu besonderen Berufungen heranreifen, sollten begleitet werden. Wenn es der Wille Gottes sei, soll für sie eine entsprechende Form gottgeweihten Lebens gebildet werden. Eine neue religiöse Gemeinschaft, die marianische Gemeinschaft Oase des Friedens, wurde durch diese Erfahrung und Ermutigung geboren.

Fr. DI Mag. Ignaz Domej, Gemeinschaft Maria, Königin des Friedens, Österreich