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Die Rolle der Seher

von Pater Josip Marcelic mit einer biblischen und historischen Übersicht.

Einführung

    Wenn ich über dieses Thema nachdenke, kommt mir folgende Stelle des heiligen Johannes in den Sinn: "Was von Anfang an war, was wir gehört und mit unseren Augen gesehen haben, was wir betrachtet und was unsere Hände betastet haben, vom Wort des Lebens - und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist - was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit ihr Gemeinschaft habt mit uns....(1.Joh.1,1-3).
Johannes spricht deutlich von einer Vision, er ist einer der "Seher" Gottes. Seine Worte bezeichnen die wichtigsten Charakterzüge eines Sehers:

a) sehen - hören, bedeutet: empfangen;
b) das Handeln Gottes in Christus und in der Heilsgeschichte erkennen;
c) Zeugnis geben bedeutet: weitergeben, was man empfangen hat;
d) einführen in das Geheimnis Christi, die Person und die Gemeinde aufbauen.

a) Von Gott empfangen kann sich auf verschiedenen Ebenen verwirklichen:
- auf dem natürlichen Niveau die Botschaften Gottes zu empfangen (natürliche Offenbarung)
- durch normalen übernatürlichen Empfang der Gaben Gottes auf der Ebene der theologischen Tugenden (durch den Glauben, die Hoffnung und die Liebe)
- durch außerordentlichen übernatürlichen Empfang der Offenbarung Gottes im mystischen Leben;
- durch außergewöhnlichen übernatürlichen Empfang der Offenbarungen Gottes auf charismatischer Ebene, wenn Gott jemandem etwas offenbart für die Erbauung des Volkes Gottes.
    In unserem Fall handelt es sich um die letztere Möglichkeit, da Gott jemandem etwas offenbart, damit es den anderen und der kirchlichen Gemeinschaft zu ihrer Erbauung vermittelt wird. Johannes war in einer besonderen Weise in das Geheimnis Christi eingetaucht, und sah, was seine Zeitgenossen nicht wahrnahmen.
    (Vielleicht ist es gut, hier an die Debatte der Theologen zu erinnern, die gerechtfertigt und gut begründet ist und den Unterschied zwischen Vision und Erscheinung deutlich macht. Die Vision kann von einer inneren Betrachtung herrühren, von Gott gegeben sein, und das ist dann die Vision im eigentlichen Sinne. Oder sie kann von Aussen kommen, das ist dann die Erscheinung, d.h. die Vision im weiteren Sinn. Für unseren Fall betrachte ich dies nicht als etwas, was unser Thema im Wesentlichen berührt, und deshalb halte ich mich nicht dabei auf).
b) Man muss auf die Heilswirkung in uns, in der Kirche, in der Welt und in der Heilsgeschichte aufmerksam machen und sie empfangen: Johannes verweist deutlich auf Jesus Christus!
c) Das Zeugnis oder die Überlieferung von dem, was empfangen worden ist, realisiert sich in unserem Fall durch das Zeugnis der Johannesworte, aber kann auch auf verschiedene Weisen realisiert werden. Wir werden später darauf zurückkommen.
d) Das Zeugnis von Johannes dient dem Ziel, zum Glauben anzuregen und in die Geheimnisse Christi einzuführen. Am Ende des Johannesevangeliums wird dies deutlich: "Dies aber ist aufgeschrieben, damit ihr glaubt, daß Jesus Christus der Sohn Gottes ist und dass ihr im Glauben durch Seinen Namen das Leben habt..."(Joh.20.31).
    Am Beispiel von Johannes können wir die wesentlichen Elemente der Rolle der Seher hervorheben. Diese Rolle kann in ihrer biblischen und kirchlichen Entwicklung untersucht werden. Wir stellen ihre Komplexität und ihre Bedeutung fest, welche in der menschlichen Psyche, in der Gesellschaft und auch im historischen Eingreifen Gottes verwoben sind. Nehmen wir diese zwei Elemente, um durch sie die aktuelle Situation zu erhellen

Das Alte Testament: Abraham, Moses und die Propheten

    Das Alte Testament liefert uns zahlreiche Beispiele für die Überlegungen über die Rolle der Propheten, angefangen bei Abraham, Moses, Samuel und zahlreiche Propheten.
Das Beispiel von Moses bietet sich besondes an und ist sehr reich, um die Elemente dieser Rolle aufzuzeigen: Er begegnet Gott im brennenden Dornbusch;

  • Er hört das Wort Gottes aus dem Dornbusch, der Wolke und vom Himmel (Ex.1.2.3.);
  • Er lernt die Geschichte Israels unter einem neuen Licht kennen, er bekommt die Verheissung der Patriarchen. - Er hört die Verheissung der Befreiung.
  • All das soll er seinem Volk übermitteln; er soll sie aus der Sklaverei herausführen.
  • Er führt das Volk Gottes aus Ägypten heraus, durch die Wüste; mit ihm schließt Gott einen Bund für sein Volk.
  • Er erinnert an den Bund mit Israel, er regt sie dazu an und ermutigt sie dazu; er korrigiert und bedroht; er tröstet das Volk in der Trübsal und heilt im Namen Gottes seine Wunden.

Bei den Propheten sei Jeremias genannt, dessen bewegte und schmerzvolle Geschichte im Bericht seiner Berufung und in seinen Bekenntnissen, durch seine bitteren Erfahrungen und seine Zerrissenheit im Dienst an der Botschaft Gottes beschrieben wird (Jer.1.4-19 die Berufung des Jeremia; Jer.20.7-18 die Bekenntnisse des Jeremia).

Wie Moses so werden auch die Propheten:

  • das Wort Gottes empfangen, als "Seher" ( "ROEH=Seher).
  • Gott offenbart ihnen seine Geheimnisse wie seinen Freunden.
  • Diese Geheimnisse sind in Verbindung mit dem Heilsplan.
  • Sie sollen ihn dem Volk Gottes mitteilen, um diesem im Bund mit Gott zu helfen, in seinem Leben mit Gott: wenn sie Sünder sind, dass sie sich bekehren; wenn sie Gerechte sind, dass sie noch gerechter werden; wenn sie entmutigt sind, dass sie neuen Mut fassen; wenn sie in Betrübnis und Finsternis sind, dass sie Tröstung und Licht empfangen...

Das Neue Testament: Jesus, Maria, Elisabeth, Simeon und die Apostel

    Jesus ist der Archetyp und die Quelle der Vermittlung zwischen Gott und dem Menschen. Er ist der einzige Mittler, aber für unseren Fall ist dies nicht so wichtig, sein Beispiel näher zu betrachten. Er unterscheidet sich wesentlich von den anderen Vermittlern des Alten und des Neuen Testamentes: Er schaut den Vater von Angesicht zu Angesicht und läßt uns dies entdecken. Er ist das Licht der Welt, alle anderen Vermittler sind nur sein Abglanz. Er ist das Wort des Vaters, alle anderen sind nur seine Stimme oder sein Echo, wie z.B. Johannes der Täufer.
    Es gibt also einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Jesus und den anderen Sehern: Er ist die Quelle des Lichts, die anderen sind nur Widerspiegelung; er ist das Wort, die anderen die Stimme, der Lautsprecher. Deshalb werden wir genauer die anderen Personen des Neuen Testamentes anschauen:

Die Jungfrau Maria ist eine 'Seherin'

  • Sie empfängt die frohe Botschaft vom Engel Gabriel; sie empfängt das Wort Gottes vom Heiligen Geist und wird Mutter Gottes;
  • sie macht sich sofort auf auf den Weg im Dienste der Erlösung;
  • sie vermittelt die Gnade ihres Sohnes Elisabeth und ihrem Sohn Johannes;
  • Im Magnifikat drückt sie den Lobgesang Gottes aus und verkündet Elisabeth und auch uns die wunderbaren Taten Gottes.

    Ihre Rolle als "Seher" ist sehr einfach und in einer großen Erhabenheit: einfach, wie die Rolle einer Mutter, die ein Kind empfängt, ihm dient, es trägt, es ernährt und erzieht und, wenn es erwachsen geworden ist, es den anderen schenkt! Ich denke, dass das Beispiel Mariens sehr wichtig ist, weil sie in der Geschichte der Kirche sehr häufig Sehern erscheint:

  • Wie sie sich im Bergland von Judäa beeilte, um ihrer Cousine Elisabeth zu helfen, die sie brauchte; letztendlich bedürfen wir alle ihrer Hilfe, und sie kommt uns zur Hilfe;
  • sie bringt uns den Retter, denn sie ist seine Mutter;
  • sie zeigt uns das in den Worten vom Magnifikat: das Wirken des Retters an den Kleinen, Armen und Verstoßenen;
  • sie verkündet wie sich die Heilsgeschichte in Israel und im Volk Gottes generell erfüllt hat;

    Betrachten wir auch die Offenbarung des Johannes, in welcher durch die Visionen der Zustand der 7 Gemeinden in Vorderasien offenbart wird (Apk.1-3) und auch der Endkampf, der sich zwischen Gott und dem Satan abspielt (Apk.4-20). Wir finden darin die fundamentalen Charakteristika:

  • die Verwirklichung, die Beobachtung des Zustandes, in dem sich eine Teilkirche befindet;
  • den Ruf zur Bekehrung, zur Treue, damit sie getröstet und zurechtgewiesen werden kann;
  • damit sie an den Früchten der Erlösung teilhaben kann = ein effektiver Weg zum Heil;
  • die Betrachtung der großen Kämpfe am Ende der Menschheitsgeschichte;
  • die Entdeckung, dass die Sünde, die Kräfte des Bösen, die Kraft Gottes, sein heilwirkendes Handeln und auch die Rolle der Engel etwas Schwerwiegendes sind;
  • der Endsieg Gottes.

    Wir können diesen kurzen Überblick über die Rolle der Propheten-Seher in der Bibel mit den Worten des heiligen Paulus abschließen: "Jede Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mann Gottes vollkommen sei, ausgestattet zu jedem guten Werk." (2.Tim.3.16-17).

    Die Rolle der heiligen Schrift und derjenigen, die sie übermitteln, ist klar unterstrichen:

  • Nützlichkeit für das Zeugnis und Wachstum;
  • Wachstum in Werken der Nächstenliebe hinsichtlich ihrer Vollkommenheit;

    Die Botschaft Gottes, und dadurch auch die Rolle der Seher, stehen im Dienst des Lebens:

  • Ich habe dir Leben und Heil, Tod und Unheil, vor Augen gestellt; wähle also das Leben, damit du und deine Nachkommen leben" (Deut.30.15,19).
  • Jesus ist gekommen, um das Leben in Fülle zu bringen (Joh.10.10).
  • Deshalb schreibt Johannes in seinem Evangelium: "damit wir das Leben durch den Glauben haben (Joh.20.31);
  • Deshalb sendet Jesus die Apostel in die ganze Welt, um die frohe Botschaft zu verkündigen und alle Nationen zu taufen (Mt.28.19), damit sie durch die Taufe Kinder Gottes werden, damit das Leben Gottes in ihnen sei und sie teilhaben am Reich Gottes (Joh.3.5).

In der Geschichte dieser Kirche

    Die Heilsökonomie im Alten und Neuen Testament brauchte Botschafter Gottes: Engel, Propheten, Seher und Apostel. Man kann erwarten, dass der Herr auch in der Geschichte der Kirche so handelt.
    Man sieht, dass in jeder Epoche Gott durch Seher spricht, um seinen Willen zu offenbaren. In der jüngeren Geschichte seien die Seherin Marguerite-Marie Alacoque von Paray-le-Monial, Bernadette von Lourdes, wie auch die Kinder von Fatima, Lucia, Francesco und Jacinta erwähnt, die die Kirche als authentisch anerkannt hat.
    Am Beispiel der heiligen Marguerite-Maria sehen wir, dass der Herr dazu aufruft, das Geheimnis der Liebe seines göttlichen Herzens zu leben. Die Offenbarungen, die sie übermittelt, wurden nicht sofort angenommen und sind auf Widerstand von Seiten der Kirche gestoßen. Erst später hat die Kirche die wesentlichen Teile dieser Botschaften akzeptiert und hat, von der biblischen Offenbarung ausgehend, die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu empfohlen (PiusXII, Haurietis aquas de fontibus Salvatoris: Ihr werdet an Quellen des Heiles schöpfen). Man erkennt hier gut, dass die Seher nichts zu der bereits gegebenen Heilsoffenbarung hinzufügen, sondern auf bereits bekannte Offenbarungen hinweisen, an sie erinnern, damit sie für die Christen ein Ansporn zu einem noch tieferen christlichen Leben seien!

    Bei Bernadette und den Sehern von Fatima bemerken wir Folgendes:

  • es handelt sich um ungebildete Kinder, unfähig, die Botschaften, von denen sie sprechen, zu erfinden; sie haben sie von der Jungfrau empfangen,
  • sie geben sie weiter an die Menschen,
  • sie geben sie weiter an die Hirten der Kirche,
  • sie leben sie in ihrem eigenen Leben,
  • in der Übermittlung der Botschaften der Jungfrau stoßen sie auf Schwierigkeiten von Seiten der zivilen und kirchlichen Autoritäten,
  • letztendlich erkennt man die Autentizität der Botschaften an (durch ihr Leben, die Uebereinstimmung der Botschaften mit der Heiligen Schrift, in der Fruchtbarkeit ihres Lebens, durch die wunderbaren Zeichen, die diese Botschaften begleiten).

    Unser Thema ist die Rolle der Seher, und so heben wir folgende Aspekte hervor:

  • der Empfang der Botschaften,
  • die Verkündigung der Botschaften,
  • die Umsetzung der Botschaften ins Leben.

Die Rolle der Seher beim Empfang der Botschaften

    Ein philosophisches Prinzip lautet: Was immer empfangen wird, wird in Übereinstimmung mit der Art und Weise des Empfängers aufgenommen.
    Dies erklärt deutlich, dass Kinder und Erwachsene, Männer und Frauen, unterschiedlich die Botschaften empfangen, je nach Kultur und Epoche (Der Herr gibt dieselbe Botschaft anders an einen Afrikaner als an einen Europäer, im Mittelalter anders als in unserer Zeit). Gott wählt die Sprache, die der Empfänger verstehen kann: ein Kind, ein Erwachsener, ein Jude, ein Christ, ein Europäer, ein Afrikaner. Ein Mensch, der die Welt und die Wissenschaft des Mittelalters kennt, ein Mensch unserer Zeit, der den modernen Blick auf die Welt und die Geschichte kennt. Es reicht, dies erwähnt zu haben.

Die Rolle des Sehers hinsichtlich des Inhalts der Botschaften

    Die Analyse der Botschaften, die durch die Seher in Lourdes, Fatima und anderswo (in der Geschichte der Kirche ) empfangen worden sind, zeigt:

  • dass sie einfach die Botschaften enthalten, die bereits in der Heilsoffenbarung enthalten sind;
  • dass sie nur gewisse Botschaften übermitteln, die eine besondere Bedeutung in einer bestimmten Zeit haben;
  • dass sie auf diese Botschaften hinweisen und sie hervorheben.

    Da wir die heilige Marguerite-Marie und die Hirten von Fatima als Beispiel genommen haben, erwähnen wir auch, dass bei der ersteren die Liebe Gottes im göttlichen Herzen Jesu offenbart wird; in Fatima wird uns die Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariens offenbart. Es ist interessant, den Zusammenhang zu sehen: die Liebe Gottes offenbart und bietet sich uns unter der Gestalt der Herzen Jesu und Mariens an, die wir fassen können! Diese zwei Verehrungen erneuern unsere Herzen und unser ganzes christliches Leben.
    Hinsichtlich der Botschaften, die sie übermitteln, könnte man von den Sehern folgendes sagen: - sie sind ein Echo, welches die Botschaft der Bibel widerhallen lässt;

  • sie sind die Auserwählten der Botschaften, die sie an eine bestimmte Generation und eine bestimmte Zeit übermitteln sollen;
  • sie sind aber auch wie Verstärker dieser Botschaften, damit diese besser widerhallen und besser gehört werden können;
  • Die Mission von Johannes dem Täufer könnte gut die Rolle des Sehers definieren: Er hat den Retter gezeigt, er hat seine Jünger zu ihm gesandt, er hat gesagt: "Ich muss abnehmen, er aber muss zunehmen." (Joh.3,30). Der Seher muss in den Schatten treten, die Sonne Gottes muss am Horizont aufstrahlen. Wir können auch das Beispiel des Morgensterns nehmen: Er kündet den Tag an, aber je heller es wird, desto mehr verschwindet er im Sonnenlicht! Seine Aufgabe ist wichtig, er muss zur Sonne hinführen. So auch die Seher!
  • Der Seher steht im freiwilligen Dienst des Evangeliums: "Ihr habt umsonst empfangen, so gebt auch ohne Bezahlung!"
  • Der Seher steht im Dienst der Übermittlung der Gnaden und wird selbst zur Gabe! (Das ist ihre Rolle und das Kriterium ihrer Autentizität: der Dienst ohne Bezahlung! Wie eine Kerze zu brennen, die sich verzehrt und dabei den anderen Licht und Leben schenkt!);
  • Er trägt zum Aufbau des Leibes Christi, der Kirche bei: "Gehet in alle Welt." (Mt.28).

    Durch seine Rolle tritt der Seher in Kontakt mit:
  • der Offenbarung Gottes;
  • der Hierarchie der Kirche, die vom Herrn aufgestellt wurde um die Kirche zu führen;
  • dem Volk Gottes;
  • der Welt.

    (Dies sind Themen, die wir nur erwähnen, und welche einer besonderen Vertiefung bedürften, einer Analyse und einer Arbeit in Verbindung mit den vom Seher übermittelten Botschaften!)

Der Inhalt der Botschaften

    (Es ist hier weder der Ort, noch der Augenblick, um den Inhalt der Botschaften näher zu betrachten, was andererseits jedoch sehr wichtig und notwendig wäre!)

    Beschreiben wir die Rolle der Seher mit einem Bild metaphorisch:

  • sie sind wie ein Radioempfänger, aber nicht jeder Empfänger ist fähig, alle Sender zu empfangen. Man muss dieselbe Wellenlänge haben, man muss den Empfänger und den Sender in Übereinstimmung bringen. Es ist interessant, dass unter den Sehern oft Kinder und sehr oft Mädchen sind; vielleicht sind Kinder sensibler und weniger beeinflusst von ihren eigenen "Wellen", und somit fähiger, die Wellenlänge Gottes zu empfangen. Es scheint auch, als ob weibliche Personen empfänglicher sind, und dass der Himmel einen leichteren Übertragungskontakt mit ihnen bekommen kann.
  • Sie sind wie Mikrophone,
  • sie sind wie Selektoren,
  • sie haben auch die Rolle von Verstärkern,
  • ihre eigene Frequenz, wie auch die Frequenz der Umgebung, spielen in der Arbeit des Empfangs und der Aussendung der Botschaften mit. Es handelt sich um eine "Belebung" der Botschaften: indem sie ihr Leben durchdringen, werden diese klarer und lesbarer. Erinnern wir uns daran, wie der Herr im Alten Testament seine Botschaften durch symbolische, ja selbst schmerzvolle, Handlungen übermittelt hat (die Propheten Ezechiel, Hosea, usw.).

Die Beziehung der Seher zur Hierarchie

    Dies ist eine besonders delikate Frage und es ist notwendig, etwas dazu zu sagen. Es handelt sich hier um die Beziehung zwischen dem Charisma und der Institution der Kirche. Das II.Vatikanische Konzil hat von der Beziehung der charismatischen Gaben und der Hierarchie gesprochen und bekräftigt, dass es notwendig ist, den normalen und außergewöhnlichen Charismen des Heiligen Geistes gegenüber offen zu sein. Ebenso sind die Hirten der Kirche dazu aufgefordert, diese Gaben nicht zu verwerfen, sondern sie zu unterscheiden, das Gute anzunehmen und das nicht Autentische zu verwerfen (L.G.12).
    Die Frage nach der Autentizität der Charismen und derjenigen, die diese Charismen besitzen, in unserem Fall, die Seher, stellt sich also auf verschiedenen Ebenen. Nennen wir die wichtigsten Unterscheidungskriterien für die Autentizität.

Die Kriterien der Authentizität

    Erinnern wir uns daran, dass die Frage nach der Authentizität der Seher oder Propheten im Alten wie auch im Neuen Testament gestellt wird. Es gab Propheten und Apostel, die nicht von Gott berufen waren: Moses ruft zur Vorsicht auf, Jesus spricht von falschen Propheten und Paulus warnt an vielen Stellen vor falschen Aposteln.
    Man muss sich also an gewisse Kriterien halten, um wahre Propheten, Apostel und Seher zu erkennen. Man muss sie ernsthaft in Betracht ziehen. Nennen wir einige Kriterien im Zusammenhang mit der Rolle der Seher: der Seher soll Gott verkünden und seine Heilspläne, wenn er das Gegenteil tut, d.h. wenn er nicht die Pläne Gottes, sondern seine eigenen verkündet, so ist er kein echter Seher:

  • er verkündet die Offenbarung Gottes zur Erbauung des Volkes Gottes, des Leibes Christi, der Kirche; deshalb ist er nicht authentisch, wenn er Zwietracht sät, wenn er den Tempel Gottes schwächt, wenn er den Leib Christi zerteilt;
  • die Offenbarung Gottes muss letztendlich in ihm selber klar sein, wie es der heilige Paulus sagt, als er seinen eigenen apostolischen Dienst verteidigte.

    Ich nenne hier nur die Kriterien, die ich aus dem Buch "Neue Begegnung mit Gott" von Heribert Mühlen (Jelsa1994, pp205-207, 314-319) entnehme:

  • Sind die Seher auf dem Weg der Hingabe zu Gott:
  • Gemäß Glaube, Hoffnung und Liebe?
  • Rechnen sie mit ihren eigenen Fähigkeiten und Methoden oder bauen sie auf die Kraft Gottes?
  • Wie steht es mit ihrer Liebe zur Kirche:
  • Sind sie von einer konkreten Liebe zur Kirche, zum Volk Gottes getragen?
  • Wie ist ihre Beziehung zu den Hirten der Kirche?
  • Fördern sie den Aufbau des Leibes Christi, der Kirche?
  • Sind sie offen für den Dienst an den Menschen?
  • Suchen sie ihre eigene Verherrlichung und ihr eigenes Interesse, oder das Interesse der anderen? - Sind sie zur Zusammenarbeit bereit?
  • Dient ihre Kritik dem Aufbau oder zur Zerstörung?
  • Folgen sie Christus in ihrem täglichen Leben nach?
  • Wie leben sie ihre öffentlichen Verpflichtungen, in der Schule, der Familie, an der Arbeitsstelle?
  • Tragen sie die Früchte des Heiligen Geistes in sich?
  • Verbreiten sie Frieden oder Verwirrung?
  • Tragen sie in ihren Herzen Freude und Liebe?
  • Besitzen sie die sich verschenkende Liebe?
  • Wie reagieren sie bei Übertreibungen und negativen Dingen?
  • Übertreiben sie in der Wahrheit und im Guten?
  • Unterstreichen sie das Negative?
  • Halten sie sich bei Dunklem und Obskurem auf oder bei inneren Verletzungen oder Ungerechtigkeiten? (Das sind Handlung Satans und zeigen seine Aktivitäten, die den Menschen leer und hohl machen.)

Eine Überprüfung der Seher von Medjugorje

    All diese Aspekte der Geschichte des Alten und des Neuen Testamentes wie auch der Kirchengeschichte müssen ganz konkret auf die Seher von Medjugorje angewandt werden. Man muß mehrere Dinge in Betracht ziehen:

  • die Verhältnisse, in denen sie die Botschaften bekommen haben, die Visionen in ihren physiologischen, psychologischen, geistlichen und mystischen Dimensionen;
  • der Inhalt der Botschaften, die sie im Namen der Gospa vermitteln (biblische, theologische, kirchliche, kanonische, asketische und mystische Dimension);
  • die Tragweite der Botschaften in ihrem Leben (persönliches und gemeinschaftliches Leben) das Leben in der Familie, die Beziehungen mit der Kirche und der kirchlichen Autorität, die konkrete Beziehung zum Pfarrer, zum Bischof, zum Papst;
  • die Art und Weise, wie die Botschaften verkündet werden (in Worten, Handlungen, im Leben);
  • die Frucht der Botschaften (Bekehrung Gebet, Busse, Sakramente, Rosenkranz, Beichte, Eucharistie, Versöhnung, marianische Spiritualitaet);

    Wir haben hier nur eine Übersicht gegeben. Es handelt sich um ein Thema, welches einer langen und ausführlichen Vertiefung bedarf.

Schlußfolgerungen

    Die Rolle der Seher in der Heilsoffenbarung wie auch in der Privatoffenbarung ist die des Mittlers.
    Dies ist unserer individuellen und gemeinschaftlichen Struktur, wie auch unserer historischen Umgebung und der Dynamik der menschlichen Rasse angepasst.
    Ihre persönliche Rolle ist ganz und gar der Rolle des Mittlers untergeordnet - welche immer still, diskret und verborgen ist, wie, um einen Vergleich zu benutzen, die Aufgabe des Mikrophons und des Lautsprechers in der Übertragung des Wortes. Je weniger sich das Mikrophon und der Verstärker bemerkbar machen, desto besser erfüllen sie ihre Aufgabe. Je mehr sie sich aufdrängen oder die Stimme verformen, desto geringer ist ihre Qualität.
    Der Archetyp der geschöpflichen Mittler ist die Jungfrau Maria. Sie übermittelt in Stille die FLEISCHGEWORDENE BOTSCHAFT - DAS WORT: Maria verschwindet in seinem Schatten und kommt erst wieder auf Golgotha zum Vorschein. Es deutet darauf hin, daß Maria in der Geschichte immer in Krisenzeiten erscheint. Wiederum neben Jesus und ihn tragend, oft verwundet und gekreuzigt, in uns Menschen und in unseren Herzen, damit er in uns aufersteht, weil Jesus ihr auf dem Kreuz uns als ihre Kinder anvertraut hat, und er hat uns Maria zur Mutter gegeben! So nehmen die Seher Mariens an unseren "Kanaans" und unseren "Kreuzwegen" teil, indem sie die Worte hören und wiederholen, die der Herr in ihre Herzen legt: "Alles, was er euch sagt, das tut" (Joh.2.5).

Pater Josip Marcelic

Pater Josip Marcelic, Franziskaner des Dritten Ordens, geboren 1929 in Preko, Zadar. Priesterweihe 1953 in Split. Er wurde zum Magister der Philosophie promoviert und doktorierte in Theologie an der Lateranischen Universität in Rom. Seit 1971/1972 hält er Vorlesungen an der theologischen Fakultät in Split in den Gebieten Dogmatik und einiger biblischen Disziplinen. Mehrere Male hielt er an der selben Fakultät das Rektor- und Prorektoramt inne. Er ist Mitbegründer und Mitherausgeber des Zyklus "Duh i voda" der Bibliothek "Obnove u Duhu" (jelsa 1984 und später), in dessen Reihe er mehrere Bücher übersetzte und herausgab.

Quellennachweis

www.medjugorje.hr