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Gebete, die das Leben lehren

Interview der Gebtsaktion Wien mit Pater Tomislav Pervan

Gehen wir in irgendeine katholische Buchhandlung, werden wir ein breites Angebot und eine Vielzahl von Gebetshandbüchern, Meditationen und Gebetsanregungen finden. Es gibt prächtige, schöne, poetische, tiefgeistliche, katholische und nicht-katholische Anregungen. Ist es trotzdem möglich, ein Gebet zu formulieren? Ist es möglich, ihm eine Form zu geben?

Beobachtet man die Menschen hier in Medjugorje, sieht man jeden auf seine Weise beten. Jeder hat seine Lebensnot, jeder möchte sich ausdrücken. Die Menschen kommen zu Fuß, sie pilgern, sie kommen mit ihren Leiden, Nöten, mit ihren Biographien und Tragödien. All das sind große De Profundis-Rufe: „Aus der Tiefe rufe ich zu Dir, Herr! Herr, höre meine Stimme!“ Große und lebenswichtige De Profundis! Wir brauchen nur zu beobachten, diese Szenen und Fotografien anzuschauen, die Füße ohne Schuhe, die Fersen voll Schwielen, schwarz vom Asphalt, aufgesprungen. Niemand von den Pilgern ist aus Übermut da. Jeden von ihnen zwingt sein Leiden auf den Weg, das Gebet zu lernen. Auch derjenige, der von Gott weit entfernt ist, wird mit der Situation konfrontiert, dass ihm nur Gott helfen kann. Da helfen keine schön gedruckten  Formulierungen, sondern ein Ausruf, ein Schrei: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Warum hörst Du nicht auf meine Gebete?“ Die Menschen kommen mit ihren Bedürfnissen. Sie erwarten einen letzten Strohhalm der Rettung. Oft wissen sie gar nicht, ob es Gott gibt. Erst hier lernen sie durch das Gebet, wird ihnen bewusst, dass Gott die Wirklichkeit des Lebens ist.
Auf der anderen Seite: Gott ist zu uns Menschen nicht mit sterilen Handschuhen gekommen, um an den Menschen oder an der Welt irgendeine Operation auszuführen, wie es die Ärzte in den Krankenhäusern tun. Nein, Er kam zu uns in unser Elend und in unsere Verlorenheit. Er hat sich auf den Kampf mit jeder Krankheit und Not eingelassen, Er wurde auch mit dem Tod selber konfrontiert. So ist unser Gott, unser Gott in Jesus Christus! Unmöglich, unbegreiflich, kann man sagen. Jesus Christus ist vertraut mit unseren Nöten. Jesus Christus ist das gemeißelte Antlitz Gottes unter uns! Jesus ist nicht in erster Linie das, was wir Menschen aus Ihm machen möchten, ein religiöses Genie, der Gründer der Christenheit, eine außergewöhnliche Persönlichkeit, eine unwiederholbare Erscheinung, eine Person, die unserer Bewunderung wert ist. Das alles ist Er. Aber in erster Linie ist Er die Person, die eingeladen hat, ihr in allem zu folgen, damit wir, so wie Er, von Gott und vom Reich Gottes auf der Welt begeistert sind und alles hinter uns zu lassen. Er hat allen gesagt, dass sie das Kreuz auf sich nehmen und Ihm folgen sollen, wenn sie zu Ihm gehören möchten. Darum geht es: Ihm ähnlich werden in der Gesamtheit des Schicksals. Er verlangt von uns keine genialen Züge, sondern existenielle Lebensentscheidungen. Das ist nicht eine Sache der Begabung, sondern des Willens.

Viele erleben Gott als ungerecht: „Warum ich? Warum passiert das gerade mir? Warum hat mich dieses Leid, diese Not und diese Krankheit heimgesucht?“ Wir stellen Gott täglich tausende Fragen. Manche denken, dass das Leben mit ihnen nur ein Spiel treibt, dass sie das Schicksal von klein auf verfolgt, aber sie wissen nicht warum.
Jesus lehrt uns ständig, dass wir uns Gott mit völligem Vertrauen und offenem Herzen nähern sollen. Er Selber lebt aus dem Vertrauen und gießt die Hoffnung in die Seinen ein. Wir dürfen nicht aufhören, zu glauben und zu vertrauen. Wir müssen beten, suchen, anklopfen, ausdauernd sein. Nicht auf halbem Weg stehen bleiben, nicht lau sein! Nicht aufhören, von Gott alles zu erbitten, von Ihm alles zu erwarten: unser Recht, unser Leben, unsere Zukunft! Hab Kraft und Hoffnung!
Im Evangelium hat Jesus jener Witwe, die ihr Recht beim ungerechten und gottlosen Richter suchte, ein Denkmal gesetzt. Ein Denkmal nicht aus Steinen oder Marmor, sondern aus Worten, die aus dem Herzen und von Herzen kommen. Bis zum Ende der Zeiten, solange die Frohe Botschaft verkündet wird, wird man auch von jener armen Witwe, die zum ungerechten und gottlosen Richter ging, sprechen. Sie hat sich nicht verwirren lassen, sie hat am gerechten Ausgang ihrer Sache und ihres Rechtsstreits nicht gezweifelt. Was wäre geschehen, wenn sie nach dem ersten Versuch aufgegeben hätte? Oder nach einigen Versuchen? Nein, sie hat sich andauernd, Tag und Nacht, aufgedrängt! Das wurde zum Bestandteil ihres Lebens!
Genau das möchte Jesus von uns! Er möchte, dass das Gebet zu unserem Lebensstil wird. Dass es etwas wird, was wir täglich praktizieren, womit wir aufstehen und uns niederlegen. Nichts ist zu unbedeutend, als dass wir es Gott nicht anvertrauen könnten. Nichts ist zu schwer, als dass wir es von Ihm nicht erbitten dürften! Wir sollen alles zu Gott bringen: die täglichen Sorgen, Gedanken, aber auch die schweren Lebensprobleme, die Familie, die Kinder, der Alkoholismus, die Sünde. Jesus möchte von uns Entschiedenheit und Ausdauer. Er lädt uns ein, uns in den Schoß, in die Umarmung des Vaters hineinzuwerfen, vor Ihm die Seele auszuschütten. Mut schöpfen und Andere ermutigen!

Jesus verspricht uns nicht eine rosige Zukunft, ein ruhiges Wasser und ein angenehmes Schwimmen im Meer dieser Welt. Alles Neue wird durch Nöte und Leiden, Blut und Tränen geboren, und Jesus beschönigt nichts. Auf die, die ihm nachfolgen, warten Verfolgungen, Beleidigungen, Verhöre, Martyrien und Glaubensprüfungen. Satan wird keine Ruhe geben. Der Kampf hat in Wirklichkeit mit dem öffentlichen Auftreten Jesu begonnen und wird bis zum Ende der Welt und der Zeiten andauern. Wer wird bis zum Ende standhaft sein?, fragten sich die Jünger, und das fragen auch wir uns. Jesus flößt uns das Vertrauen und die Hoffnung ein: Habt keine Angst! Ihr seid die Auserwählten Gottes. Ihr dürft nicht zweifeln an der Hilfe Gottes.
Jesus möchte von uns keine Mittelmäßigkeit. Gott möchte keine Lauen, sondern nur jene, die sich bis zum Äußersten auf Ihn einlassen und sich Ihm überlassen, genau wie die Heiligen. Gott akzeptiert nur die Vollkommenheit, nicht die Mittelmäßigkeit. Weder vor Jesus noch vor Gott kann das bestehen: ein bisschen für Gott und ein bisschen auch für die andere Seite sein. Ein bisschen in die Kirche gehen, aber mehr Zeit aufwenden für die Unterhaltung, für die Gesellschaft, die Jagd, die Disco oder das Gasthaus. Entweder sind wir tot oder lebendig. Entweder sind wir Gläubige oder Ungläubige. Entweder Beter oder Nichtbeter. Die Radikalität Jesu ist im Kern gesundmachend, heilsam, therapeutisch, rettend und heilend. Er möchte uns heilen und uns zu Geheilten machen. Denn nur der radikale Weg befreit und wird zum Weg in die Zukunft.
Der Rosenkranzmonat ist zu Ende gegangen. Es ist überflüssig zu erwähnen, was durch dieses Gebet schon erbeten und erbittet wurden, was man in der Geschichte alles durch die Gebete erreicht hat. Am augenscheinlichsten war es bei der Schlacht von Lepanto, als der Papst 1571 die ganze Christenheit beim Zusammenstoß mit der osmanischen Macht zum Rosenkranzgebet eingeladen hat. Es drohte die Gefahr, dass ganz Europa unter türkische Herrschaft fällt. Die Christen haben die übermächtige türkische Macht dank des Gebetes besiegt.

Die Beter sind auch heute die einzige Weltmacht! Nicht Amerika, nicht jene, die die Waffen der Zerstörung in der Hand haben, sondern jenem, die mit dem Rosenkranz in der Hand Jesus und Maria im Herzen und auf den Lippen haben! Das sagt uns Maria in Medjugorje ununterbrochen. Sie betete den Rosenkranz mit Bernadette in Lourdes, mit den Sehern in Fatima; sie gestaltet das Gebet selbst, indem sie die Seher beten lehrte: „O mein Jesus, verzeih uns unsere Sünden. Bewahre uns vor dem Feuer der Hölle. Führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die Deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen. “Es ist also niemand von der Rettung und vom Erbarmen ausgeschlossen.
Hinter uns liegt ein schreckliches, selbstmörderisches Jahrhundert. Es begann hier in unserer Gegend blutig mit dem Weltkrieg und endete in unserer Gegend ebenso blutig durch einen weiteren Krieg. Wer von uns hätte an ein so schnelles Zerbrechen des Kommunismus geglaubt? Ich denke, niemand ahnte, dass jenes apokalyptische Tier so schnell in sich selbst zusammenfallen wird. Erinnern wir uns, dass Papst Johannes Paul II. das Jahr 1987 zum Marianischen Jahr ausgerufen und der Welt seine Enzyklika über Maria, die Mutter des Erlösers, gegeben hat, nachdem er der Kirche drei Enzykliken über die Allerheiligste Dreifaltigkeit geschenkt hatte. In seinem Apostolischen Schreiben im Angesicht des neuen Jahrtausends erinnerte er daran, dass man all die Ereignisse um den Fall des Eisernen Vorhangs und des Kommunismus weder geschichtlich noch rational ohne das Eingreifen Mariens und des Himmels begreifen kann. Der Kommunismus verschwand von der Weltbühne ohne Waffen und kriegerische Gewalt. Wie viele haben im Gebet beharrlich gefleht, dass endlich die Gerechtigkeit auf diese Erde kommen möge! Und sie erbaten die Freiheit des Glaubens, die Freiheit, ruhig zu atmen und miteinander reden zu können. Viele haben es nicht erlebt, sie haben ihr Leben in den Gefängnissen gelassen. Aber sie haben nicht umsonst gelitten und ihr Kreuz getragen.
Es ist unmöglich, gleichzeitig die Aussaat und die Ernte zu haben. Es muss Zeit vergehen, damit das, was gesät wurde, keimen, heranreifen und sich in Brot verwandeln kann. Erinnern wir uns an den Bau der Kathedralen im Mittelalter. Nie konnte die gleiche Generation sowohl die Fundamentlegung als auch die Fertigstellung des Baues erleben. Der Bau erstreckte sich oft über Jahrhunderte. Aber die Leute hatten Visionen! Sie hatten Träume. Der Mensch plante die Zukunft mit Gott, er machte die Pläne mit Gott, er rechnete mit Gott.
So ist es heute auch mit uns: Wir werden bestehen, wenn wir beten und glauben! Und wenn wir unsere Pläne und Hoffnungen, unsere Projekte Gott hinlegen und mit Gott bauen. Das ist eine klare Botschaft und die Lehre der ganzen Bibel! Lernen wir diese Lektion aus dem Munde Jesu, aber auch aus unserem eigenen Leben und unseren eigenen Bedürfnissen! Gerade in diesem Monat November, wenn das Ende des Kirchenjahres gefeiert und eine Inventur des Lebens gemacht wird.

Quellennachweis: Gebetsaktion Wien  4.Quartal 2010