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Vorwort zur Zeitschrift Oase des Friedens von Dr. Christian Stelzer

Ohne Vergebung kein Friede

Diözesanbischof Dr. Manfred Scheuer aus Innsbruck betont: "Was ich bei Menschen, die nach Medjugorje pilgern erfahre, ist ein intensives sakramentales und geistliches Leben im Sinne der Umkehr, auch der persönlichen Beichte, im Sinne der Anbetung, im Sinne der Liebe zur Eucharistie und in der Liebe zu Jesus und auch zur Gottesmutter.
Für eine Erneuerung des kirchlichen Lebens braucht es aber gerade genau diese Brennpunkte. Es braucht Zentren, wo das Bußsakrament wieder seinen Platz hat."
Interview von Maria Elfriede Lang-Pertl für die Zeitschrift Oase des Friedens.

Herr Bischof, in Ihrem Hirtenwort haben Sie ein sehr brisantes, aber wichtiges Thema gewählt: „Ohne Vergebung kein Friede!“ Dieses Motto begleitet auch das Phänomen Medjugorje, wo die Gottesmutter bekanntlich unentwegt zum Frieden durch Vergebung und Versöhnung aufruft. Was sagt Ihnen Medjugorje?
Bischof Dr. Scheuer: Was ich bei Menschen, die nach Medjugorje pilgern - wie auch bei der Oase des Friedens - erfahre, ist ein intensives sakramentales und geistliches Leben im Sinne der Umkehr, auch der persönlichen Beichte, im Sinne der Anbetung, im Sinne der Liebe zur Eucharistie und in der Liebe zu Jesus und auch zur Gottesmutter. Für eine Erneuerung des kirchlichen Lebens braucht es aber gerade genau diese Brennpunkte. Es braucht Zentren, wo das Bußsakrament wieder seinen Platz hat.

Was war eigentlich der Auslöser für das Motto Ihres Hirtenwortes: Ohne Vergebung kein Friede?
Der Hintergrund für mein Wort zur österlichen Bußzeit war die Erfahrung, dass es sehr viel Unversöhntheit gibt, das sind die Kriege und Konflikte, das ist die Gewalt, das ist der Terror, das sind aber auch sublime Formen, dass sich Menschen voneinander entfremden, nichts mehr miteinander zu tun haben, total gleichgültig aneinander vorbeileben, füreinander keine Verantwortung mehr tragen. Das sind aber auch Erfahrungen im sehr persönlichen und privaten Bereich. Da gibt es so etwas wie Hass oder Verachtung: oder massive Schuld. Da haben Menschen einander starkes Leid zugefügt. Da gibt es Verwundungen und Verletzungen, die Menschen oft ein Leben lang begleiten und nicht mehr losbekommen.

Wie kann da wieder Zukunft, Hoffnung, Heilung, neues Leben ermöglicht werden?
Die christliche Botschaft ist da: Zukunft und Auferstehung gibt es - das ist ja von der biblischen Botschaft her auch etwas, was schon in diesem Leben geschieht - durch Umkehr und durch die Vergebung, die uns von Gott her zugesagt wird. Im Johannesevangelium sagt Jesus: „Wem ihr die Sünden nachlasst, dem sind sie erlassen! Meinen Frieden hinterlasse ich euch!“ Das ist ja ein österliches Sakrament. Das Sakrament der Buße und der Versöhnung ist ein zutiefst österliches Sakrament, weil es ja sozusagen nicht auf die Vergangenheit fixiert, nicht in der Vergangenheit stecken bleibt, sondern ein neues Leben, Zukunft, Auferstehung ermöglicht! Diese positive Dimension des Bußsakramentes möchte ich besonders hervorheben, auch die Dimension der inneren Heilung.

Sie sprechen es an - die Umkehr durch das Bußsakrament, dass Versöhnung und innere Heilung geschieht. Es ist auch eine der Grundbotschaften, die die Gottesmutter immer wieder anspricht: die Beichte, um Vergebung und Versöhnung zu erlangen. Herr Bischof, es ist aber ein Sakrament, das heute in unseren Breitengraden ziemlich vernachlässigt wird.
Ich denke, diese Dimensionen sind teilweise auf die Seite geschoben und vergessen worden, an den Rand geraten. Für eine Erneuerung des kirchlichen Lebens braucht es aber gerade das. Ich hoffe sehr, dass es wieder mehr Zentren gibt, wo das Bußsakrament wieder einen Ort hat. Das sind teilweise die Ordens- und Klosterkirchen, auch in unserer Stadt, in unserem Land. Und ich hoffe, dass die Menschen die Kostbarkeit der Anbetung entdecken und auch den Wert der Eucharistie.

Das Sakrament der Versöhnung, die Beichte, gehört doch im Wesentlichen zum Christsein?
Ja, denn zum Christsein gehört dazu, dass ich nicht einfach unschuldig bin, dass ich eigentlich der ständigen inneren Erneuerung, der ständigen Umkehr und Buße bedarf, auch der Reinigung und Vergebung. Die Rechtfertigung des Sünders ist gerade von Paulus her nicht mein eigenes Werk, sondern ist Gnade, und Vergebung ist eine Gnade. Ich kann Vergebung durch Gott, aber auch durch die anderen nicht erarbeiten und schon gar nicht erzwingen. Ich darf mir diese Vergebung als Geschenk, als Gnade zusagen lassen, und das geschieht im Sakrament der Buße, der Beichte. Ein Sakrament kann ich mir nicht selber einfach spenden, sondern das wird mir vom Priester im Namen der Kirche durch Gott zugesagt. Und das ist eigentlich das Wunderbare am Bußsakrament.

Herr Bischof, von der theologischen Sicht gesehen: Was braucht es für eine gültige Beichte?
Es braucht mehrere innere Schritte, auch die innere Einsicht, die Reue, das klare Bekenntnis, das ausdrückliche Bekenntnis, dass ich etwas ins Wort, zur Sprache bringe, dann ist etwas sozusagen schon heraus gesagt. Es braucht aber auch den äußeren Zuspruch, gerade weil ich mir das nicht selber machen kann. Ich komme mit mir selber nicht ins Reine, wenn ich mich an anderen vergangen habe, wenn ich mich gegen Gott verfehlt habe. Insofern wird im Sakrament der Buße deutlich, was in allen Sakramenten da ist - es ist eine Beziehung, eine Beziehung der Gnade, eine Beziehung der Zusage Gottes, eine Beziehung, in der die Unverfügbarkeit auch deutlich wird, nämlich der Geschenkcharakter.

Es braucht also vorher ein geöffnetes Herz, um diese Gnade empfangen zu können. Ich komme nochmals auf Medjugorje zu sprechen. Der Aufruf der Gottesmutter ist immer wieder: „Öffnet eure Herzen!“
Ja, ich denke, insofern braucht es für ein offenes Herz die Wachsamkeit, die Aufmerksamkeit, zum einen für das Gute, auch für den Geschmack am Guten. Es braucht ein geistliches Leben, gerade im Alltag, denn, was uns heute ja oft begleitet, ist so ein heimlicher Unschuldswahn, also keiner ist verantwortlich, keiner ist schuldig. Ich habe eine saubere Weste. Auf der anderen Seite gab es noch kaum einmal in der Geschichte zuvor eine solche Suche nach Sündenböcken, die Anprangerung der anderen, die Fixierung der anderen, und das ist letztlich eine ganz fatale Logik der Rache und der Selbstgerechtigkeit, die weder den einzelnen noch eine Gesellschaft und auch nicht eine Kirche weiterbringen können. Sünde liegt ja oft darin, dass ich den Geschmack am Guten verliere, dass ich gleichgültig werde, stumpfsinnig werde, was ich vielleicht anderen und mir selber antue, dass es eigentlich gleichgültig ist, ob ich die Wahrheit sage, ob ich lüge, ob ich Leid zufüge, liebevoll bin, ob ich hasse oder mich engagiere. Also diese Gleichgültigkeit, diese Abstumpfung halte ich für eine ganz große Versuchung unserer Gegenwart. Auch der gegenwärtige Papst Franziskus spricht diese Gleichgültigkeit ganz massiv an.

Welche Gegenmaßnahmen bieten sich da an, um dies zu ändern?
Also wach werden für die Vorgänge in mir! Was führt zu mehr Leben, zu Trost, zu mehr Liebe? Aber was führt auch zu mehr Abstumpfung, Gleichgültigkeit, Lieblosigkeit? Es braucht auch ein wachsames Herz für andere, dass ich mitbekomme, was tue ich anderen an, was löst das bei denen aus, wie weh tue ich ihnen? Für ein offenes Herz ist es auch gut, dass ich mich da selber begleiten lasse, mich von anderen korrigieren lasse, im Gespräch bin mit anderen. Natürlich ist es wichtig, dass das auch unter dem Vorzeichen des Wohlwollens geschieht, aber es soll auch unter dem Vorzeichen der Wahrheit sein, der Wahrhaftigkeit. Papst Johannes XXIII. hat schon vor fast 50 Jahren so die Eckpfeiler “Säulen des Friedens“ benannt, das sind also Frieden, Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe. Und das, glaube ich, gehört zum äußeren Frieden dazu, aber auch zum inneren Frieden; also, dass ich mein Leben auf diesen Säulen aufbaue, auch mein Leben in Umkehr und Buße.

Ein Leben auch nach dem Evangelium... Sie haben auch Jesaja zitiert, der von der Gerechtigkeit spricht, aber er spricht auch immer wieder vom Immanuel und vom Friedensfürsten. Auch der Hl. Vater ruft immer wieder zum Lesen des Evangeliums auf.
Ich glaube, da wird etwas deutlich, dass es bei Buße und Umkehr nicht nur um eine Frage von Geboten oder Verboten geht, von Normen - das auch, doch das Entscheidende bei Buße und Umkehr ist die Beziehung , die Beziehung zu Jesus Christus, zu den Heiligen, zur Gemeinschaft der Kirche. Das wird zum Beispiel im Gleichnis vom barmherzigen Vater und dem verlorenen Sohn ganz deutlich. Bei Buße und Umkehr, bei Versöhnung, geht es um eine ganz liebevolle Beziehung, und das Evangelium ist ja nicht eine Aneinanderreihung von Normen, sondern da geht es primär eigentlich darum: Wie ist meine Liebe zu Jesus Christus?
Die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe ist das Entscheidende. Wenn wir das vom Evangelium her begriffen haben, glaube ich, ist es schon sehr viel oder eigentlich alles!

Versöhnung bedeutet auch Heilung. „Durch Seine Wunden sind wir geheilt“, heißt es bei Jesaia (53,5).
Ich habe den Eindruck, dass der allgemeine Umgang miteinander relativ rau und hart ist, und dass die Menschen oder viele Menschen relativ groß im Austeilen, aber sehr sensibel im Einstecken sind. Das bedeutet für mich, dass sie vielleicht auf Grund ihrer Lebensgeschichte so verletzt worden sind, dass sie manches gar nicht mehr spüren, dass sie aber die eigene Verletzung nie angeschaut haben, dass die nie heilen konnte, weil ihnen vielleicht auch niemand helfen konnte. Zum Geheimnis von Ostern gehören auch der Karfreitag und der Ostersonntag. Was das auszeichnet, ist, dass wir durch die Wunden erlöst und geheilt worden sind. Die Beziehung zu Christus ist nicht, an Kreuz und Leiden vorbei zu kommen, sondern nur hindurch. Es war eine Urversuchung auch der christlichen Gemeinden, eine Versuchung, einen Christus ohne Kreuz und ohne Wunden zu zeichnen. Das hat man damals Gnosis genannt, und das ist irgendeine Einbildung, nur nicht der wirkliche Jesus von Nazareth, der Sohn Gottes. Durch Seine Wunden sind wir geheilt! Das heißt, eine Liebe, die nicht durch das Leiden hindurch geht, ist letztlich ein Verrat.

Wunden entstehen auch durch viele Sorgen und Kümmernisse. Aber da gibt auch die Bibel Antwort: “Sorgt euch nicht ängstlich“ oder - wie es in den Psalmen heißt - „ werft eure Sorgen auf den Herrn!“ Auch die Gottesmutter bittet in ihren Botschaften: “Gebt mir eure Sorgen, ich übergebe sie Jesus, Er wird sie heilen!“
Es gibt in der Heiligen Schrift die Angst, die dem Leben und der Liebe nottut! Jesus selber hat am Ölberg Todesangst gelitten. Ihm waren auch diese menschlichen Erfahrungen nicht fremd. Es gibt die Angst, die so etwas wie ein Warnsignal ist, nämlich, wenn ich diese Grenze überschreite, wird es für das eigene Leben oder das Leben anderer gefährlich. Es gibt auch die Angst, die aus der Solidarität und aus der Liebe zu anderen kommt! In der Pastoralkonstitution des 2. Vatikanischen Konzils heißt es zum Beispiel: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Es gibt nichts wahrhaft Menschliches, was nicht in ihren Herzen Widerhall findet.“

Vielleicht könnte man da von „der begnadeten Angst“ nach Bernanos sprechen? Aber wie kann man das richtig erkennen?
Da braucht es, glaube ich, die gute Unterscheidung: Einerseits gibt es die Angst, die aus der Liebe kommt, die Angst, die letztlich auch vor Vermessenheit und Kalkül bewahrt, nämlich, dass es eine Unverfügbarkeit der Freiheit gibt. Auf der anderen Seite gibt es eine Angst, wie es im Evangelium heißt: Er vergräbt aus Angst und Furcht sein eigenes Talent. Dieser wird von Jesus ganz massiv kritisiert, weil er Gott verkennt! So ähnlich ist es bei den Sorgen. Die allzu große Sorge um sich selber wird von Jesus auch stark kritisiert!

Ja, Er sagt mehrmals: „Sorgt euch nicht ängstlich!“, um uns auf andere Prioritäten zu verweisen.
Was Jesus nicht kritisiert, sind zum Beispiel jene Menschen, die nichts haben und die sich sorgen müssen um das tägliche Brot. Im „Vater Unser“ heißt es doch „unser tägliches Brot gib uns heute“, also die Sorge um menschliche Grundbedürfnisse wird von Jesus nicht verworfen, sie soll uns aber nicht „besitzen“! Es gibt natürlich die Sorge, die in sich selber “eingekrümmt“ ist. Das ist die ursprüngliche Definition von Sünde beim Heiligen Augustinus: „Incurvatus in se ipso“, dass ich im Grunde genommen in den eigenen Bedürfnissen und Sorgen stecken bleibe und nicht mehr frei bin für andere und kein hörendes, verwundbares Herz mehr habe für die Nöte anderer. Das ist, glaube ich, genauso die andere Dimension der Botschaft des Evangeliums, die zur Fastenzeit dazugehört: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ Das Almosengeben, das steht letztlich für „teile dein Leben mit anderen“! Lass die anderen auch bei dir eintreten! Gewähre Gastfreundschaft!

Lieber Herr Bischof, herzlichen Dank! Dieses Interview war eine Botschaft an uns und hat unsere Herzen geöffnet! Dürfen wir noch für unsere Leser um Ihren Segen bitten?
Der Herr segne euch, Er lasse Sein Angesicht über euch leuchten und schenke euch Seinen Frieden. Das gewähre euch der Dreieinige Gott: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen

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